Järvis überfällige Hindemith-Pflege

Frankfurt- Traditionell kommt beim Frankfurter „Auftakt“ die Moderne nicht zu kurz, keineswegs nur Synonym für konzertante Schwerarbeit. Von Klaus Ackermann

So wird zum Saisonbeginn in der Alten Oper das Porträt des französischen Zeitgenossen Pierre Boulez gezeichnet, im Programm des hr-Sinfonieorchesters mit den Notations VII vertreten. Chefdirigent Paavo Järvi brach zudem eine Lanze fürs 1939 entstandene Violinkonzert des gebürtigen Hanauers Paul Hindemith, bei Frank Peter Zimmermann in besten Händen. Und schlug in seiner Bruckner-Reihe mit der fulminant dargebotenen Sinfonie Nr. 4, der „Romantischen“, ein weiteres spannendes Kapitel auf.

Seit den legendären Darmstädter Tagen für neue Musik in den 1950er Jahren hat Boulez die Moderne als Komponist und Dirigent nachhaltig beeinflusst. Seine Notations basieren auf zwölf Klavier-Miniaturen von 1945, die er nach seinem Dirigat des Bayreuther Jahrhundert-„Ring“ 1997 für großes Orchester weiter entwickelte.

Gebändigter Marsch-Rhythmus

Ihre Nummer 7 mutet dabei wie das Ästhetisieren einer gigantischen orchestralen Geräuschkulisse an, im übergreifenden Marsch-Rhythmus gebändigt, ohne dass dieser instrumental besonders fixiert wäre.

Eine Art klanglicher Pointillismus, den Järvi und die hr-Sinfoniker akribisch durchforsten, im fantasievollen Abheben mit Paul Hindemith im Bunde, der auch in seinem Konzert für Violine und Orchester melodische Linien erweitert, unbekümmert um das, was daraus harmonisch wird. Allenfalls das polyphone stimmliche Verzahnen mit den Orchesterstimmen bremst diesen Freiheitsdrang. Zudem beweist der klassisch angelegte konzertante Dreiteiler, welch exzellenter Geiger Hindemith war, vormals Konzertmeister des Frankfurter Museumsorchesters.

Ein Festessen für Frank Peter Zimmermann der mit seiner Stradivari scheinbar mühelos die tänzerischen Impulse weiterentwickelt, das lyrische Gegenthema so elegant umspielt wie den kraftvollen Bläserchoral, die Geigenkantilene gleichsam als Heiligenschein. Attaca geht es in den lebhaften Schluss-Satz mit schnellfingrigen Soli, die massiven Bläserattacken ausgesetzt sind. Der Begriff „Aufgeigen“ ist auch hier doppeldeutig – vor allem in den virtuosen Passagen, in der Kadenz gibt es viele karikierende Momente. Die treibt Zimmermann in einem nahezu unspielbaren Paganini-Reißer noch auf die Spitze, den rotzfrech, aber ungemein präzise abgezogenen Variationen der englischen Nationalhymne, wahrlich ein Geniestreich.

Halb Gott, halb Trottel

„Halb Gott, halb Trottel“, hat Gustav Mahler einmal seinen Kollegen Bruckner charakterisiert. Zumindest in der „Romantischen“ überwiegt das Göttliche, von Järvi und den wie an einem Klangstrang ziehenden hr-Sinfoniker auf den Punkt gebracht. Die Genesis der Musik aus der Hornquinte hat klangliches Plakatformat. Bei angeschärfter Dynamik: Von Null auf Hundert, vom Pianissimo zum Fortissimo sind’s nur wenige Sekunden. Und mittendrin wirkt der unendliche Bratschengesang mit den an Beethovens Pastorale gemahnenden Holzbläser-Vogelstimmen eher nachdenklich als beschaulich. Ihren großen Einsatz haben allenthalben die Hörner, drucklos, locker und agil vor allem bei den Jagdhornfanfaren des Scherzo, von einem Ländler abgefedert, der zum Mitpfeifen reizt. Ehe die Hornquinten das festliche, wieder an klanglichen Ereignissen und dynamischen Kontrasten reiche Finale einläuten. Dann sind 65 Minuten wie im Nu vergangen. Ohne faulen Zauber.

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