An den Grenzen des Grooves

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Munter verquirlt Jan Delay Zutaten aus der Pop-Historie zu einer eigenwilligen Melange, die weder neu noch besonders kreativ ist, dafür mit hohem Wiedererkennungswert locker die Massen zum Tanzen bringt.

Offenbach - Ausverkauft präsentiert sich die Offenbacher Stadthalle. Noch bevor der kunterbunte Vorhang sich hebt, ist zu ahnen: Jan Delay nimmt gleich die letzte Hürde auf dem Sprung in die deutsche Pop-Oberliga. Von Ferdinand Rathke

Zugetraut hätte das dem kleinen schmächtigen Hamburger mit stets ein wenig zu näselnder Stimme vor ein paar Jahren wohl noch niemand. Als nette Fußnote im deutschen Amüsierbetrieb ging Delay durch, wenn er im HipHop-Trio Beginner ordentlich einen los machte. Doch der Drang, es seinem Idol Udo Lindenberg gleich zu tun, war stärker.

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Nach mehreren vollzogenen künstlerischen Metamorphosen verkauft sich der 34 Jahre alte Sänger und Komponist gegenwärtig als deutscher Soul-Godfather. Perfekt im maßgeschneiderten Zwirn, samt Hütchen und Gehstöckchen als Markenzeichen, lotet Delay mit brillantem Ensemble im Rücken deutsche Groove-Grenzen aus. Munter verquirlt er Zutaten aus der Pop-Historie zu einer eigenwilligen Melange, die weder neu noch besonders kreativ ist, dafür mit hohem Wiedererkennungswert locker die Massen zum Tanzen bringt.

In zehnköpfiger Traumbesetzung inklusive dreier exotischer Chordamen macht Jan Delay sich unverdrossen ans Werk, seinen Ruf als „Polit-Agit-Onkel“ endgültig zu demontieren, den er sich einst als kämpfender Freigeist in der Hamburger Hafenstraße erworben hatte. Delay meint, was er singt: „Ich muss was für meinen Dispo tun/schmeiß’ keine Steine mehr/schmeiß’ jetzt Diskokugeln.“ Tja, wenn das große Geld lockt, hat schon so mancher für unverrückbar gehaltene Überzeugungen über Bord geworfen. Doch was bleibt einem „Kind vom Bahnhof Soul“ denn auch schon übrig?

Fürs Auge wird auch etwas geboten

Quer durchs mittlerweile umfangreiche Repertoire schippert das Nordlicht, mischt zwei oder noch mehrere bekannte Dancefloor-Hymen in einen Song. Mashup nennt sich neudeutsch die nahtlose Re-Kombination bekannter Stücke durch beliebige Aneinanderreihung.

Fürs Auge wird auch etwas geboten: Die afroamerikanischen Chordamen sowie die ebenfalls adrett gewandeten Herren an Trompete, Posaune und Saxofon unterhalten mit entzückenden Choreografien, sollten sie mal nicht Hand an die Instrumente legen müssen. Derweil Jan Delay das Publikum nach seinen strikten Anweisungen tanzen lässt. Schnell noch ein Potpourri eingeschoben, schon naht das Ende der munteren Party, die vor allem eines unterstreicht: Wir Deutsche mögen Interpreten mit seltsamen Stimmen, die nur leidlich singen können.

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