Geigerin Janine Jansen

Konzertante Kampfansagen

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Frankfurt - Europas kühler Norden erwärmte und rüttelte auf. Mit Edvard Griegs folkloristisch getönten „Norwegischen Tänzen“ und Carl Nielsens 4. Sinfonie „Das Unauslöschliche“ trumpfte das hr-Sinfonieorchester in der Alten Oper auf, vom überaus kompetenten Chefdirigenten Paavo Järvi auf Kurs gebracht. Von Klaus Ackermann

Im Mittelpunkt stand ein Violinkonzert, das in Frankfurt Konjunktur hat. Vor wenigen Tagen erst von Anne-Sophie Mutter mit London Philharmonic explizit gedeutet, war jetzt die Niederländerin Janine Jansen Star des Tschaikowsky-Opus, ebenso makellos wie erlebnishungrig sich des so leichtfüßig daherkommenden und so schwierig zu spielenden Stoffs bemächtigend.

Den Status einer Ausnahme-Solistin hat sich Janine Jansen auch beim Tschaikowsky-Konzert bewahrt, das übrigens in einer der wenigen unbeschwerten Lebensphasen des russischen Romantikers am Genfer See entstand. Die langjährige Zusammenarbeit der Violinistin mit dem keineswegs nur sekundierenden, sondern viele instrumentale Impulse versendenden hr-Sinfonikern und vor allem mit Paavo Järvi trägt Früchte.

Mit Leidenschaft geht’s in Medias res, was schon die Körpersprache der attraktiven Niederländerin signalisiert, die mit großen Gesten das Orchester befeuert, bei vehementem Zugriff auf die kontrastreiche Thematik. Akribisch im Figürlichen und die melodischen Bögen auf der weitgreifenden Stradivari wie mit dem Zirkel vermessend, wird die Kadenz zum Konzert im Konzert.

Zum kantablen Nachtstück gedeiht die Canzonetta, die Järvi orchestral behutsam aussteuert, kein Freund von üppigem Sentiment. Und nach spannendem Übergang treibt Jansen den russischen Festtagszauber noch voran, souverän die permanente Doppelgriff-Akrobatik meisternd und gestalterisch immer auf dem Quivive. Selten hat eine Solistin so viele beifällige „Vorhänge“ bekommen wie Janine Jansen bei diesem Funkkonzert in der Alten Oper, die mit dem hr-Streichern (!) eine Tschaikowsky-Valse nachschickt.

Vorausgegangen sind Griegs „Norwegische Tänze“, zwischen balsamischem Balladenton, geisterhaften Tänzchen und schwelgerischem Melos die Kapazität der Holzbläser untermauernd. Auch gefragt beim geterzten Klarinetten-Thema, Keimzelle und klanglicher Mörtel der 4. Sinfonie von Carl Nielsen, dem Zeitgenossen von Gustav Mahler und wie dieser auf dem Weg in die musikalische Moderne.

„Musik ist Leben und als solches unauslöschlich“ hat der Däne angesichts des Leids im Ersten Weltkrieg formuliert, der orchestral seine grelle Fratze offenbart. Doch auch die Sehnsucht nach der guten alten Zeit wird ohrenfällig, im Bläser-Tanz und in unterschwellig trügerischer Streicher-Idylle.

Das steigert sich im Krieg zweier Kesselpauker, die für heftige Einschläge sorgen, ehe ein breit fließender orchestraler Strom hoffen lässt: Alles wird gut, in rosarotem Dur. Doch solch Pathos kocht bei Järvi allemal auf Sparflamme, der in seinem beeindruckenden Nielsen-Zyklus ein „Grand mit Vieren“ ausgespielt hat.

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