In kollektiver Glückseligkeit

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Hollywood-Star Jared Leto als Zeremonienmeister in der Festhalle.

Frankfurt - Hollywood trifft Rock’n’Roll - Filmstar Jared Leto und seine Band 30 Seconds to Mars in der ausverkauften Festhalle in Frankfurt. Von Peter Müller

Zwischendrin könnte man durchaus meinen, im falschen Film zu sein: Quietschebunte XL-Luftballons wirbeln durch die Halle, vier Konfetti-Kanonen schießen Silberschnipsel aus vollen Rohren - Lichtgewitter, plakative Videos und Taiko-Trommler tun ein Übriges. Fehlten nur ein paar herzige, aufblasbare Plastik-Schwimmhilfen und man hätte sich auch in einem Spielzeugladen wie Toys´R´Us wähnen dürfen. Wir sind aber nicht im Spielzeugwunderland, sondern in der von restlos entgeisterten, augenscheinlich erwachsenen Fans übervölkerten Festhalle, irgendwo auf dem roten Planten. Oder genauer: ein halbe Minute davon entfernt. 30 Seconds to Mars, die zweifelsfrei außerirdische „Alternative Rock“-Combo von Hollywood-Schauspieler Jared Leto, führt auf ihrer „Love Lust Faith + Dreams“-Tour in Frankfurt eine opulente Rock-Oper auf, die vor allem die weiblichen Anhänger mobil macht. Und in Dauer-Ekstase stürzt..

Wenn man es genau nimmt, genügen für die kollektive Glückseligkeit bereits die ersten Takte des Eröffnungssongs „Birth“, zu dem der 43-jährige Frauenschwarm via Hydraulik-Rampe vom Hallen-Firmament wie ein neuer, schwarz gewandeter Rock-Messias gen Erde schwebt. Jarod Leto, auf der Kino-Leinwand zuletzt als John-Lennon-Mörder Mark David Chapman in „Chapter 27“ noch eher unangenehm aufgefallen, ist so etwas wie das personifizierte Epizentrum dieses clever inszenierten Spektakels, das zusammenbringt, was eigentlich nicht auf eine einzige Bühne passt. Ausgelassener Kindergeburtstag, martialischer Look und Gestus, Bombast-Rock, Deutschlandfahne und „Cirkus Halligalli“ mit zwei Artisten-Helfern, dann ein Akustik-Set, dessen Charme-Offensive an der Kitschgrenze rüttelt, hier die düster-pathetische Mystik des aktuellen Albums „Love Lust Faith + Dreams“, dort wiederum eine finale Bespaßungs-Einlage inklusive Hallen-Chor - das muss man alles erst einmal auf die Reihe kriegen.

30 Seconds of Mars, mit Frontmann Jarod, dessen formidabel trommelndem Bruder Shannon und Gitarrist/Keyboarder Tomislav Milicevic inzwischen zum Trio geschrumpft, scheinen das mühelos zu schaffen. Bemerkenswert vor allem deshalb, weil martialische Stadion-Hymnen wie „Night of the Hunter“ „Conquistador“ oder „This is War“ so gar nicht in das Ambiente der Massenbeglückung passen wollen. Aber Zeremonienmeister Leto, der längst mehr ist als ein Zauberlehrling des verehrten U2-Helden Bono, könnte wahrscheinlich auch im Sarg liegend aus einem Telefonbuch vorlesen, ohne dass vor allem frau es ihm übel nimmt. Man(n) nennt es wohl etwas neidisch Charisma, was den mit Langhaar-Mähne, Sonnenbrille und Fell-geschmückter Gladiator-Montur angetretenen Herzensbrecher umwölkt. Die wild mäandernde Show, im besonderen sein nach der gefühligen Los-Angeles-Hommage „City of Angels“ eingeschobener Solo-Akustikpart mit Balladen wie „The Kill“, „Alibi“ oder Rihannas „Stay“, ist denn nicht zuletzt auch perfekte Selbstinszenierung.

Dieser Typ, der im Februar, im Aids-Drama „Dallas Buyers Club“, als bis auf die Knochen abgemagerter Transsexueller wieder auf der Kinoleinwand zu sehen sein wird, ist einfach faszinierend, ideal für jedwede Projektion und dennoch nahbar. Spätestens zur Zugabe, als er für „Up in the Air“ gefühlte 50 „Craziest People“ mal eben auf die Bühne holt, um dort ein Hüpfburg für alle einzurichten, feiert der Eskapismus fröhliche Urständ. Die letzten Skeptiker, die den Mars-Mannen gerne mehr Schein als musikalisches Sein attestieren, haben da längst die weiße Fahne gehisst - und feiern mal eben mit.

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