Jazz-Klang umspannt ganze Welt

Unter die ätherisch hauchigen Töne der Trompete von Arve Henriksen schieben sich zum Beginn des Konzerts in der Jazzreihe im Garten des Frankfurter Liebighauses sanft geräuschhafte Klangmomente des hinter einem mit elektronischen Gerätschaften bedeckten Pult stehenden Partners Jan Bang, schließlich auch ein beinahe herzschlagartig pochender Bass. Von Stefan Michalzik

Dann schwenkt das norwegische Duo zu Materialien aus außereuropäischen Gefilden. Der Gesang, den Henriksen im fliegenden Wechsel mit seinem Trompetenspiel anstimmt, lehnt sich zunächst an Vorbilder von fernöstlicher Provenienz an; alsbald greift Henriksen den tuvinischen, also zentralasiatischen Obertongesang auf.

Jan Bang, der Henriksen seit Ende der Neunziger Jahre verbundene Großmeister des Samplings, schafft Flächen sphärischer Klänge und verwendet Bruchstücke von seltenen Perkussionsinstrumenten, Klänge, die einem Vogelgezwitscher nahe kommen, mal ein Gitarrenloop, dann eine Streicherphrase, die wie aus einem Stück der zeitgenössischen Kunstmusik herausgelöst erscheint.

Trompetensequenzen als veritable Technonummer

Es ist ein ganzes Weltorchester, das Bang aus seinem digitalen Speicher spult. Ein Beat tritt nur selten offen zu Tage, es kommt aber auch vor, dass Bang mit dem Mittel der Reduktion gleichsam einen imaginären Beat produziert. Aus live eingesampelten Trompetensequenzen baut er gar eine veritable Technonummer, die ambienthaft ausläuft.

In der nahtlosen Verschmelzung von Trompete und Samples geht es immer um die Erschaffung einer Welt des Klanges. Das ist das Programm von Arve Henriksen, gleichermaßen verwirklicht in den Einspielungen mit dem Quartett Supersilent wie auf den parallel erscheinenden Soloalben. Innerlichkeit sowie, ungeachtet ihrer Vielgesichtigkeit, eine hermetische Geschlossenheit sind charakteristisch. Was nicht heißt, dass diese Musik sich nicht erschließen würde. Sie macht es dem Hörer leicht.

Der Schönheit huldigen Henriksen und Bang ungebrochen. Den offiziellen Teil beendeten sie mit einer obskuren Musical-Szene. Selbst der windschiefe Falsettgesang vermochte diese kitschig triefende Befremdlichkeit nicht ernstlich anzukratzen. Mit Jazz hat man es bei dieser Schichtung des Klangs und des Geräuschs zweifellos zu tun: Sie hat nur stellenweise einen Puls, doch sie entsteht aus der Improvisation.

Kommentare