Viel Risiko für viele Emotionen

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Einfach mal nichts hinterfragen: „Don’t Explain“ heißt das neue Album von Heinz Sauer

Frankfurt - Als vor fünf Jahren mit „The Journey“ eine Werkschau von Heinz Sauer erschien, klebte seine Plattenfirma einen roten Happy-Birthday-Sticker auf das Cover. Von der unübersehbaren 75 als gut gemeinte Ehrung war der Künstler damals nicht gerade begeistert. Von Detlef Kinsler

So offensiv sollte mit seinem Alter in der Öffentlichkeit nicht umgegangen werden.

Jetzt, vor seinem runden Geburtstag am 25. Dezember, geht der Jazzer entspannter damit um. In Frankreich, wo seine zweite CD mit Pianist Michael Wollny, „Certain Beauty“, zum Album des Jahres 2006 gekürt wurde, würde man charmanterweise quatre-vingt sagen. Die 80 sorgt allenthalben für ungläubiges Staunen, zumal Sauer als ein im Geiste jung gebliebener Saxophonist wahrgenommen wird. „Jung will ich ja gar nicht mehr sein. Ich sehe mein Alter als Kontinuum an“, ist Sauer beim Blick in den Spiegel vor allem eines wichtig. „Dass man nicht wie ein von der Gesellschaft ausgemergelter alter Mensch aussieht.“

Aktiv, eigenständig, impulsiv, prägend, spektakulär und unbeugsam sind nur einige Attribute, die Heinz Sauer zugeschrieben werden. Sein Saxophonspiel gilt als dicht, weise, vital und unberechenbar, der Ton in seinem charakteristischen Spiel wird als rau und zärtlich, heiser, brüchig, vernarbt und zerkratzt beschrieben.

Konfrontiert man den gebürtigen Merseburger, der in der Frankfurter Jazzszene groß wurde und heute in Königstein lebt, damit, überlegt er einen Moment und sagt dann: „Eigenständigkeit und die Unberechenbarkeit des Spiels sind schöne Formulierungen.“ Denn wenn er seine eigenen Konzertmitschnitte hinterher abhört, möchte er auch selbst überrascht werden. „Dass du da Dinge spielst, die du nicht geübt, nicht vorgeplant hast, gar nix, und die dann faszinierend sind.“

Viel Risiko für viel Emotionalität

Viel Risiko für viel Emotionalität, so könnte man sein Credo umschreiben. Und das lässt sich am besten in kleinen und kleinsten Besetzungen umsetzen. Eine seiner immer wieder gelobten Einspielungen, „Ellingtonia“, hat er zwar mit der NDR Big Band realisiert und seit 1961 ist er Mitglied des hr-Jazzensembles, am wohlsten fühlt er sich aber im Duo.

Vom „Traumpaar des aktuellen deutschen Jazz“ ist über die nun schon zehn Jahre währende Zusammenarbeit mit Michael Wollny überall zu lesen. „Wenn man musikalisch schon viel gemacht hat wie ich, dann ist es nicht so einfach, jemanden zu finden, mit dem man harmonisch umgehen kann und der auch die gleiche Ästhetik hat“, sagt der Individualist.

Mit Pianist Bob Degen

Mit Pianist Bob Degen hat Sauer beste Erfahrungen, mit Wollny baut er das nun aus und geht mit ihm „mehr in die Moderne“. Neben eigenen Stücken sind längst auch Motive von Bob Dylan, Björk und Prince neben Billie Holiday und Miles Davis Ausgangsmaterial für die „freie Interaktion“ zwischen den beiden. Ob das noch Jazz ist,‘ Diese Frage stellt sich der Saxophonist dabei tatsächlich manchmal. So, wie er den Jazz als Autodidakt im Nachkriegs-Frankfurt kennen und lieben gelernt hat, als „Protestmusik“, gibt es ihn „eigentlich nicht mehr“, bedauert Sauer. Ein Problem der heutigen Gesellschaft. „Da passt der Jazz nur rein, wenn er diese SUV-Leute bedient.“ Und die sind nicht seine Adressaten.

„Don’t Explain“ heißt die neue Veröffentlichung von Sauer und Wollny, die sie auch live am 5. Januar um 20.30 Uhr in der Romanfabrik Frankfurt vorstellen werden. Der Titel suggeriert es. Die Musik soll sich selbst erklären, ohne Worte auskommen. Und sie darf, was die traumwandlerisch sichere, auf absolutem Vertrauen basierende Kooperation betrifft, gern auch für die Akteure selbst mysteriös bleiben. „Dabei bleibe ich, und das ist auch gut so, wenn man da nicht beginnt nachzuforschen“, betont Sauer. „Ich genieße es in diesem Fall einfach mal, dass nichts hinterfragt werden muss.“

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