Ein Jazzer rockt in Frankfurt

Frankfurt - Jamie Cullum liebt sein Klavier. Es sagt aber auch viel aus über den vom Jazz kommenden 31-Jährigen, der seine Musik und seine Musikalität ungekünstelt in Szene zu setzen weiß. Von Carsten Müller

Dass der Brite es zu Beginn des ausverkauften Konzerts in der Frankfurter Jahrhunderthalle auf der Filmleinwand genüsslich in die Luft jagt, ist wohl eher als Vorgeschmack auf die folgenden explosiven Stunden zu verstehen.

Crooner-Qualitäten zeigt Cullum noch ganz gesittet bei „Just One Of Those Things“, das er und seine exzellenten multiinstrumentalen Begleiter Ian Thomas (Schlagzeug), Chris Hill (Bass, Gitarre), Rory Simmons (Trompete, Gitarre) und Simon Allen (Saxofon, Keyboards, Percussion) in eine pulsierende Jam-Session münden lassen. Doch viel Zeit vergeht nicht, bis er Anzugjacke, Oberhemd und Krawatte ablegt und das Klavier besteigt, das er zuvor in der Manier eines Gitarristen bearbeitet hat. Dort steht er und rappt, hüpft hinunter, fegt wie ein Derwisch über die Bühne, um im nächsten Augenblick wieder auf dem Klavierhocker Platz zu nehmen und sich in Jazz-Phrasen zu versenken, mit denen er fast bruchlos zwischen den Songs überleitet.

Das Stück hat ihn bekannt gemacht

Sein Publikum weiß Cullum einzubeziehen, als gebannte Zuhörer in intimen Momenten, als ausgelassen Feiernde bei den rockigen Stücken, als vielstimmiger Chor – sogar Regisseur soll man spielen. Handy-Aufnahmen vom Song „Mixtape“ werden vom Fernsehsender 3sat zum Fan-Video zusammengeschnitten. Wer spricht da noch von Urheberrecht?

So unkompliziert er sich gibt, so locker streut Cullum lateinamerikanische, amerikanische, europäische und afrikanische Zitate in seine Improvisationen ein. Aus der Ballade „Next Year Baby“ entwickelt sich eine feurige Samba, „Singin’ In The Rain“ und Rihannas „Under My Umbrella“ verschmelzen zur groovenden Schlechtwetter-Ode, „Mind Trick“ wird zum bewegenden Gospel. Legende sind Interpretationen von Radioheads „High & Dry“ oder Rihannas „Don’t Stop The Music“, von Cullum gegen den Strich gebürstet, der sich zum Klavier als Human Beatbox betätigt. Das Konzert beendet er mit dem Titelsong aus Clint Eastwoods Film „Gran Torino“. Das Stück hat ihn bekannt gemacht – es ist seine Verbeugung vor der enthusiastischen Menge. (cm)

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