Jamie Cullum in der Jahrhunderthalle

Jazzpianist mit Rock im Blut

Frankfurt - Er kommt vom Jazz, aber versteht das Haus zu rocken wie kein Zweiter: Wenn der britische Pianist Jamie Cullum auftritt, lässt er sich mit Leib und Seele auf sein Publikum ein. Von Carsten Müller

Passend dazu hat er ein neues Album im Gepäck, dessen Titel „Momentum“ jene Augenblicke beschreibt, in denen sich alles ideal zusammenfügt, wie jetzt beim rauschhaften Konzert in der Jahrhunderthalle.

Cullum ist eine Rampensau im besten Sinne. Auf der Bühne gibt er sofort vollen Körpereinsatz, markiert den Einpeitscher an der Snare-Drum zur perkussiven Eröffnung mit „The Same Things“, hämmert „I’m All Over It“ in die Tasten des strapazierten Konzertflügels, der ihm gleichermaßen als Trommel und Klettergerüst dient.

Von dort führt er Regie bei einem musikalischen Breitwandfilm, der über Stunden zu fesseln versteht. Jazz-Standards, Blues-Nummern und Pop-Balladen gehen fast bruchlos ineinander über, gespickt mit Improvisationen seiner exzellenten Begleiter Loz Garrett (Bass), Brad Webb (Schlagzeug), Tom Richards (Saxophon) und Rory Simmons (Trompete).

So mündet die Crooner-Nummer „Just One Of Those Things“ in eine fulminante Jam-Session, kippt das zur Moll-getönten Jazzballade gewendete „Singing In The Rain“ in den von ihm komponierten Gassenhauer „Standing Still“, Eurovision-Song-Contest-Erfolg des Deutschen Roman Lob.

Cullums Stimme durcheilt mühelos Oktaven, mal knarzt sie dabei wie eine defekte Lautsprechermembran, mal flüstert sie zärtlich im Falsett. Das sperrige, mit bratzigen Sounds und pumpendem Beat aufwartende „Love For Sale“ singt er mitten im Publikum. Zum Rihanna-Cover „Please Don’t Stop The Music“ holt er sich zwei Fans zur Seite, verwandelt anschließend mit tatkräftiger Hilfe „These Are The Days“ in eine bewegende Gospel-Messe. Und auch das eingängige „Mixtape“ wird zum Nachweis der Ton- und Textsicherheit des Publikums. Zur finalen Session am Bühnenrand betätigt sich Cullum als Kameramann und singt am Ende allein am Klavier „Gran Torino“, den für einen Grammy nominierten Titelsong aus Clint Eastwoods Film.

Der Zuhörer ist baff angesichts dieser geballten Ladung Musikalität in einer bis ins Licht-Detail ausgeklügelten Show, die dennoch ungemein locker daherkommt. Das ist die große Kunst des Jamie Cullum – und der Auftritt in Frankfurt war ein Glücksfall für alle, die dabei sein durften.

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