Folk-Ikone strotzt vor Energie

Frankfurt - Als Folk- und Protestikone tourt Joan Baez seit Jahrzehnten über Konzertbühnen und wird auch bei Demonstrationen und Protestaktionen nicht müde, ihre Stimme gegen das Unrecht in der Welt zu erheben. Von Dirk Fellinghauer

Beim gefeierten Auftritt in der ausverkauften Jahrhunderthalle verzauberte die 71-Jährige ihre eingefleischten Fans aufs Neue.

Mit Ovationen im Stehen wurde sie empfangen und zwei Stunden später, angereichert mit frenetischem Jubel, wieder verabschiedet. Dazwischen nahm die US-Amerikanerin ihr Publikum mit auf eine faszinierende, fesselnde und berührende Reise in ihre ganz eigene Welt, in der sich das starke Bewusstsein für nicht nachlassendes vielfältiges Unrecht paart mit Optimismus, Wärme, Lebensfreude und auch einer beachtlichen Portion Humor. „Heute Abend werden wir nicht arbeiten, sondern einfach nur spielen“, verkündete die charismatische Sängerin und Gitarristin zum Auftakt.

Sie spielte ihre ständig wechselnden Gitarren in ihrem einzigartigen Stil, um den sie selbst Bob Dylan, ihr Lebenspartner zu wildesten Zeiten, beneidete. Sie sang dazu mit ihrer gleichzeitig zarten wie kraftvollen und durchdringenden und immer kristallklaren Stimme. Sie erzählte dazu Geschichten und Anekdoten mit spannenden Themen von Woodstock bis Vaclav Havel, augenzwinkernd und selbstironisch und doch immer mit klaren Botschaften. Sie wurde meisterhaft begleitet von Dirk Powell an Banjo, Geige, Klavier und manchem mehr sowie ihrem Sohn Gabe Harris, einem hervorragenden Percussionisten.

Sie lieferte eine kurzweilige und vielseitige Werkschau ihres Schaffens, in dem sie sich seit fünfzig Jahren mit sehr eigenständigen Interpretationen Lieder berühmter Kollegen wie John Lennon, Donovan, Leonard Cohen, Elvis Costello oder Pete Seeger, aber zum Beispiel auch Kirchensongs, zu eigen macht und ihnen den besonderen Joan-Baez-Zauber verleiht, dem man sich schwer entziehen kann. Sie streute Hits wohldosiert ein und lieferte eine geballte Ladung als Zugaben: „Catch The Wind“, „Swing Low Sweet Chariot“, „Imagine“, „Suzanne“ fehlten ebenso wenig „Sag mir wo die Blumen sind“, gesungen auf Deutsch.

Konzert in Wohnzimmeratmosphäre

Ihr Publikum liebt und verehrt Joan Baez, die mit ihrem Ikonenstatus ganz lässig umgeht und die auch jede Menge Geschenke freudig entgegen nahm. Sofa und Stehlampe schufen Wohnzimmeratmosphäre und verstärkten das Gefühl, der zierlichen starken Frau auf der Bühne eng verbunden zu sein.

Eine Frau wie Joan Baez kann es sich auch erlauben, einer weitaus jüngeren Kollegin galant den Vortritt zu überlassen, auf dass diese die Herzen des Publikums im Sturm erobern möge: Sie präsentierte die Straßenmusikerin Marianne Aya Omac. Die Französin singt mit wahnsinnig starker und durchdringender Stimme spanische Songs und wickelt das Publikum im Handumdrehen mit ungekünsteltem Charme und ansteckendem Temperament um den Finger. Die Zuhörer waren so hingerissen wie Joan Baez, die sich während des gefeierten Gastauftritts im Flamenco-Tanz versuchte.

Mit „Donna Donna“ verabschiedete sich eine strahlende Joan Baez endgültig in die Nacht. Der naheliegende Gedanke bei Künstlern dieses Alters, ob man wohl nochmal das Glück haben wird, sie live erleben zu dürfen, kommt bei Joan Baez, deren Energie nicht nachzulassen scheint, gar nicht erst auf – und wird spätestens dann zerstreut, wenn man auf ihrer Facebook-Seite das aktuelle Foto ihrer sehr agil wirkenden Mutter anschaut – kürzlich aufgenommen an deren 99. Geburtstag. -

Rubriklistenbild: © Uwe Steinbrich/pixelio.de

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