Alter Herr und junge Hymnen

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Typisch Cocker: Sparsame Gesten und volle Konzentration beim Auftritt in der Frankfurter „Gut Stubb“.

Wenn es so etwas wie ein Déjà-vu-Erlebnis fürs Gehör gäbe, dann konnte man es in Frankfurt erleben. Auch wer die Songs schon hundertmal gehört hat, wunderte sich, dass Joe Cocker es immer wieder schafft, sie neu entstehen und wirken zu lassen. Von Peter Schulte-Holtey

Kraft, Gefühl, Leidenschaft und viel Soul – das sind seine Markenzeichen, deswegen sind Tausende in die Festhalle gekommen.

Der 66-Jährige präsentiert alte Hits, überrascht mit tollen Songs vom neuen, hoch gelobten Album „Hard Knocks“, das im Oktober auf Anhieb zum Spitzenreiter in den Charts wurde. Es ist in der Karriere des Engländers das zweite Mal, dass er es an die Spitze der Hitliste schafft. Der erste Coup gelang ihm 1987 mit dem Album „Definite 1964-1986“.

Der jüngste Erfolg in Deutschland wird ihn auch vor dem Auftritt am Main beflügelt haben. Zärtliches wie „You Are So Beautiful“ haucht er vor tausenden glänzenden Augen hin, zeigt bei „Unchain My Heart“ viel Gefühl, wringt sich bei „Summer In The City“ jeden Ton aus dem Leib. Dabei sind die Balladen eindrucksvoll modern gestaltet. Und der „alte Herr“ (wie ihn Fans liebevoll nennen) verströmt jene große Präsenz, die ihn längst zur Legende gemacht hat. Wer kann schon von zwei Karrieren in einem Leben berichten? Jene von Blues und Rock geprägte Ära in den 60ern und 70ern, die in Alkohol- und Drogenproblemen zu enden schien. Dann die Wiederauferstehung in den 80ern mit Popsongs. Bei seiner aktuellen Tour schwingen diese Jahrzehnte der Musikgeschichte stets mit.

Ganz nüchtern tanzt und torkelt Cocker am Mikrofon, ohne Pause schmettert er einen Hit nach dem anderen, als wolle er gar nicht mehr aufhören. Der Mann flüstert nicht, er gibt alles – zum Beispiel mit dem rockigen „Unforgiven“. Schlicht in einem schwarzen Anzug bewegt er sich im Rhythmus, den Platz vor dem Mikro verlässt er nur selten. Manchmal wirkt das statisch.

„The Simple Things“, „Up Where We Belong“, „Hard Knocks“, „N’oubliez Jamais“, „You Can Leave Your Hat On“ - Cocker singt sich um Kopf und Kragen, als müsste er jedes Mal wieder jedem beweisen, dass er es noch kann. Er ist ein Entertainer der alten Schule, dessen Hände entweder im Rhythmus zittern, Luftgitarre spielen oder mit der Mittelfinger- sowie Daumenspitze immer wieder den Takt schlagen. Die großen Showeffekte braucht er nicht. Er ist der Meister der rauchig-souligen Stimme, Joe Cocker eben.

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