Dem Jubilar gilt das Finale

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Bamberger huldigen Mahler beim Abschlusskonzert des Rheingau Musik Festivals

Eberbach - Filigrane Streichertöne wie klanglicher Feinstaub, massive orchestrale Ballungen, die Grenzen der Tonalität öffnend: Gustav Mahlers Abschied von der Welt erreicht in der Eberbach-Basilika sakrale Sphären. Von Klaus Ackermann

Mit dem Adagio aus der unvollendeten Zehnten und dem sinfonischen „Lied von der Erde“ schlug das Abschlusskonzert des Rheingau Musik Festivals in Bann. Von hochmotivierten Bamberger Symphonikern gestaltet, die unter Jonathan Nott Mahlers Prophetien auf den Punkt brachten. Und mit gesanglichen Hochkarätern, deren stimmliche Magie die orchestralen Fluten bändigte.

Dass der Brite, einst in den Opern Frankfurt und Wiesbaden am Pult, erfahren mit Neuer Musik ist, offenbarte das Adagio aus der Sinfonie Nr. 10 Fis-Dur, im expressiven Unisono, in wundersamer Streicher-Bläser-Schwebe und in leidenschaftlicher Emphase das spätromantische Gefüge aufreißend. Mit analytischem Spürsinn erforschen die Bamberger Mahlers feinnervige Stimmverläufe, die in einen Verzweiflung suggerierenden grellen Neun-Töne-Akkord münden, bei dem man ein volles Orgelwerk zu hören glaubt. Ein Abschied der schmerzlichen Todesgewissheit und verhaltener Tränen.

Trinklied vom Jammer der Erde

Die Suche nach unbeschwerter Daseinsfreude, die dem Tod Hohn spricht, bestimmt jene sechs Lieder von der Erde aus der Sammlung „Die chinesische Flöte“ von Hans Bethge. In den kammermusikalischen Grundklang mit polyphonen Stimmen und heftigen Ausbrüchen wirkt der Solopart so eingebunden wie abgehoben. Da singt der kernig-fundierte Tenor Michael König, 2009 als Frankfurter Lohengrin reüssierend, das Trinklied vom Jammer der Erde, dessen empfindsame Partikel und geisterhafte Grimassen in die fatale Bilanz münden: „Dunkel ist das Leben, ist der Tod.“ Kontrast ist der unbeschwerte Rückblick „Von der Jugend“, nur scheinbar ein Leichtgewicht, von König hintergründig angelegt.

Prädestiniert für Tristesse und bittere Tränen des „Einsamen im Herbst“ ist der dunkle, noch in Mittellage bewegende Sopran Waltraud Meiers, die im orchestralen Glitzer „Von der Schönheit“ kündet, erregende Bilder, dramatisch gewendet. Wie traumwandlerisch im „Abschied“, mit schönen Tönen und erhabener Spitze zwischen Erbeben und Resignation, Flötenabgesang, kunstvoller Chinoiserie in Harfenklang und fahlem Trauermarsch der Tieftöner. Meiers expressives „Ewig ... ewig“ – des vor 100 Jahren verstorbenen Mahlers Traum vom „Stirb und werde“ – steht noch sekundenlang im Kirchenraum.

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