Amerikanismen in der Turangalila-Sinfonie

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Klang-Pole: Tamara Stefanovich am Flügel und Thomas Bloch am Ondes Martenot

Frankfurt - Ob heiße Rhythmen, synkopierte Blechbläser-Einlagen oder der harmonisch reizvolle melodische Strom: Mit seinen Amerikanismen in der Turangalila-Sinfonie hat Olivier Messiaen schon Boston im Visier, 1949 Uraufführungsort seines Opus magnum. Von Klaus Ackermann

Das lässt auch Dirigent Kristjan Järvi konzertant erkennen, der Jazz-Feeling mit einbringt, die Junge Deutsche Philharmonie swingend ins nur scheinbare klangliche Chaos führt und mit seinem Orchester in der Alten Oper enthusiastisch gefeiert wird.

Turangalila aus dem indischen Sanskrit entlehnt, setzt sich aus „turanga“ (Bewegung, Rhythmus) und „lila“ (Werden und Vergehen) zusammen. Wie ein Wirbelwind wirken Streicher- und Schlagwerk-Klang in der Introduction, einen Posaunen-Cantus, ein geheimnisvolles Klarinetten-Motiv und rhythmisch rasant, aber präzise abgezogene Ostinati vorgebend, die in den zehn Sätzen wie Erkennungszeichen wirken.

Solistisch wird das ergänzt und kommentiert von der virtuos auftrumpfenden Pianistin Tamara Stefanovich in glasklar gehämmerten Kadenzen und komplexen Figuren, die für zwei Klavierkonzerte reichen würden. Außerdem schwingt die keltische Legende von Tristan und Isolde bei Messiaen mit, im Chant d’amour 1 (2. Satz) mit grellem Einstieg schon aufs tragische Ende der Liebenden hinweisend, ehe Streichermelos eine zarte Liebe verkündet, deren Süße von klavieristischen Tupfern, die sich zu Querschlägern auswachsen, gemildert wird. Während das vom Spezialisten Thomas Bloch gespielte Ondes Martenot, Vorläufer des Synthesizers, sphärisch dichte Klänge beisteuert.

Die Liebesgeschichte bleibt im Fluss: ein zweiter Liebesgesang (4. Satz), „Garten des Liebesschlummers“ (6. Satz) mit Geigenschmelz, als sei Hollywoods Mantovani auferstanden, und „Entwicklung der Liebe“ (8. Satz) mit Big-Ben-Glocken und kraftvoller Klavier-Gestik auf einem dicht geknüpftem Netz der Orchesterstimmen, die heroische Filmmusik-Phrase inklusive. Durchsetzt wird dies von Turangalia 1-3 (3., 7. und 9. Satz), eine Art Stöbern im Klavier- und Orchesterklang, bei dem sich der Cello-Vorspieler ebenso auszeichnen darf wie die aufwändige Schlagwerk-Batterie. Orchestral auffällig mit Ohrwurm-Motiven, die förmlich zersägt werden, Glissando auf Ondes Martenot und einem scheppernden Ganzton-Akkord ist „Joie du sang des étoiles“ (5. Satz), eine ganz besondere Ode an die Freude.

Swingendes Blech, mit dem Bebop-Jazz nachempfundenen, rhythmisch hart angerissenen Phrasen, die im Fortissimo-Stimmengewirr untergehen – final steigern die Beteiligten noch einmal das Drehmoment in unerbittlichem Crescendo mit abrupten Pauken-Abriss. Da müssen selbst Fluglärm-erprobte Zuhörer durchatmen …

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