1822-Konzert

Junger Russe athletisch an den Tasten

Leid tat einem nur der Flügel, beim Frühjahrskonzert der 1822er in der Alten Oper so heftig traktiert, dass man um die Saiten fürchten musste.

Vom jungen Russen Denis Matsuev, der das Tempo beim Konzert c-Moll von Schostakowitsch heftig anzog und dennoch nie die Contenance verlor. Es hat das Chamber Orchestra Of Europa hörbar elektrisiert, das Mendelssohn Bartholdys „Schottische“ einer klanglichen Frischluft-Kur unterzog und dabei auf erlesene Holzbläser zurückgreifen konnte. Auch ohne Taktstock war Dirigent Semyon Bychkov ein Drahtzieher, der trotz Geschwindmarschs immer die innere Balance wahrte.

Die Seele schwingt himmelwärts – und der Oboer des delikat auf Ravels klangliche Impressionismen eingestimmten europäischen Kammerorchesters hat seine Abendgage schon beim Auftakt verdient. So präzise und gleichermaßen souverän meistert er die schwierigen Koloraturen des Prélude von „Le Tombeau de Couperin“, ursprünglich für Klavier geschrieben und vom Komponisten selbst orchestral eingerichtet.

Schostakowitschs Konzert für Klavier, Trompete und Streichorchester ist ein Geniestreich des 27-jährigen Russen, dem weder Johann Sebastian Bach, Haydn und Beethoven noch die Titanen des romantischen Klaviersalons heilig sind, denen er ironisch Reverenz erweist, ebenso zielstrebig in unerhört virtuose Sphären abhebend. Ein Schwerathlet am Flügel, der Oktaven donnern lässt, wie er auch von filigran perlenden Läufen nicht genug haben kann. Seinen scharfen Tempi ist das hellwache Orchester ebenso gewachsen wie Trompeter Nicholas Thompson.

Gleich zwei Zugaben folgen: Anatoli Liadovs walzernde „Music Box“ und eine machtvolle Paraphrase auf „Die Höhle des Bergkönigs“ aus Griegs Peer-Gynt-Suite, bei der das Klavier schmerzvoll zu brüllen scheint. Nach Pausenzäsur dann Mendelssohn schottischer Bilderbogen der Sinfonie Nr. 3 a-Moll, auch ein Brückenschlag zur Historie, der zyklisch und mit choralartiger Intensität vollzogen wird. Da lässt sich herrlich assoziieren – aufreißender Nebel, schäumende Gischt, ein schier endloser Zug ritterlicher Gestalten: Die blaue Blume der Romantik hat bei Mendelssohn und Bychkov selbst im rauen Hochland einen bezaubernden Duft …KL. ACKERMANN

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