Kälte, Fremdheit, keine Langeweile

Frankfurt - Auf den Straßen des Inselreichs herrscht Linksverkehr, und auch in der Musik des 20. Jahrhunderts ist Großbritannien einen eigenständigen Weg gegangen. Von Stefan Michalzik

Ob ihrer Verwurzelung in der Tradition sind Edward Elgar, Ralph Vaughan Williams und Benjamin Britten ungeachtet einer durchaus modernen Musiksprache aus der kontinentalen Perspektive lange belächelt worden.

George Benjamin, der wichtigste zeitgenössische britische Komponist, ist zunächst nach Paris gegangen, um bei Olivier Messiaen zu studieren. Das undogmatische Komponieren des 51-Jährigen, der beim Konzert des Ensemble Modern im Zuge des Komponistenporträts beim „Auftakt“ der Frankfurter Alten Oper selbst am Pult stand, ist nicht sonderlich traditionsverbunden.

Ein Lehrstück über den Fremdenhass

Die zweiteilige lyrische Erzählung „Into the Little Hill“ nach dem Libretto von Martin Crimp, Benjamins bislang einzige Musiktheaterarbeit, vom Ensemble Modern beim Pariser Festival d’Automne 2006 uraufgeführt, beruht auf der Fabel um den Rattenfänger von Hameln.

Zwei Sängerinnen führen im Brechtschen Sinne die Haltungen einer Reihe von Figuren vor. Gleich zu Anfang stimmen sie Hassreden aufgebrachter Bürger wider die Fremden an. Ob der Qualitäten der Sopranistin Anu Komsi und der Altistin Hilary Summers kommt auch konzertant der Spielwitz der expressionistisch aufgeladenen Szenen zum Tragen: Es ist ein Lehrstück über den Fremdenhass.

Ensemblestück „ICE“

Das Primat des Wortes gilt auch in „Upon Silence“ von 1991 für Mezzosopran und tiefe Streicher nach Yeats. Die deklamatorische Vortragsweise der Altstimme changiert stetig zwischen Gesang und Sprechen, mit expressiven Ausbrüchen in die Höhe und gestischen Dehnungen. Die Musik kommentiert eigenständig, sie illustriert nicht. Letzteres tut der 1977 in Osaka geborene britisch-japanische Komponist Dai Fujikura in seinem mit der Kältemetaphorik spielenden Ensemblestück „ICE“ von 2009, weshalb diese Programmmusik ungeachtet eines wirkungssicheren Kompositions- und Instrumentationshandwerks vordergründig bleibt.

Wesentlich eindrücklicher mutet das auf das Jahr 2006 zurückgehende Stück „On Love II“ von Saed Haddad an. Der jordanische Komponist, der wie Fujikura bei Benjamin gelernt hat, beschäftigt sich in seinem verkappten Klavierkonzert – mit Hermann Kretzschmar am Flügel – mit dem Anderen: Westliche Instrumente nehmen arabische Modi auf, ethnische Klanggeber wie der Regenstab sind eingewandert. Das Idealbild, das Haddad entwirft, wirkt durchaus nicht kitschig-naiv. Nie zu langweilen: Dieser erklärten Maxime Benjamins zu genügen ist Haddad gelungen.

Rubriklistenbild: © pixelio.de/Martina-Taylor

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