Bieberer Hauskonzert

Kalkulierte Kraftakte an den Tasten

Das 54. Hauskonzert der Dr. Andor Schmidt Stiftung war zugleich eine Generalprobe für den zweiten Teil einer Diplomprüfung. Die russische Pianistin Elena Zalesova bot ein ungemein schwieriges Programm und verblüffte mit einer Kraft des Anschlags, die man einer Frau kaum zugetraut hätte.

Schon Beethovens letzter Sonate op. 111 gönnte sie einen Fortissimo-Donner, wie man ihn zur Zeit des Komponisten aus keinem Tasteninstrument hätte hervorlocken können.

Tollkühn war der Einstieg mit der grandiosen Sonate, über die viel gerätselt und philosophiert worden ist. Doch die junge Pianistin meisterte nicht nur die technischen Anforderungen mit Bravour, sondern legte auch gestaltend die revolutionäre, bereits romantische Struktur des Werks offen. Schonungslos betonte sie vor allem die Zerrissenheit, die ungeheuren Kontraste und Schroffheiten. Souverän stellte sich die Künstlerin auch den beiden Chopin-Etüden op. 10, No. 8 und 10.

„Choral et Variations“ von Henry Dutilleux ist der Tradition der Impressionisten verpflichtet, in Motorik und kühler Härte aber nicht fern von Bartòk oder Strawinsky. Die Pianistin entfaltete ein interessantes farbliches Spektrum. Präziser, hämmernder Anschlag erzeugte einen mächtigen Glocken-Klang; dazu kontrastierten zierliche Glockenspiel-Passagen.

Die h-Moll-Sonate von Liszt bezeichnete Kritiker Hanslick einst als „Genialitätsdampfmühle“ und ereiferte sich über ein „freches Aneinanderfügen disparatester Elemente“. „Ein fast unausführbares musikalisches Unwesen“ war das Stück für die russische Pianistin ganz und gar nicht, auch wenn es wie ein Höllenspuk wirkte. Neben der virtuosen Zähmung der abenteuerlichen Schwierigkeiten gelang ihr auch einfühlsames und spannungsvolles Nachvollziehen des quasi improvisatorischen Charakters. Virtuos ließ sie auf die komplizierten Rhythmen der Variationen op. 41 von Nikolai Kapustin ihre Finger tanzen. Bei der Komposition des zeitgenössischen ukrainischen Pianisten und Komponisten sind die improvisatorischen Elemente des Jazz in der Notation fixiert. Es bedarf aber eines Interpreten, der sich in den Swing einlebt, und das gelang der jungen Künstlerin überzeugend. Den zahlreichen Kraftakten des Programms ließ sie mit Chopins Revolutionsetüde als Zugabe einen weiteren folgen.

EVA SCHUMANN

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