Alles andere als alltäglich

Frankfurt - Wer den Streichquartett-Wettbewerb Premio Paolo Borciani gewinnt, hat den kammermusikalischen Olymp erklommen. 2011 gewann Quatuor Voce den Publikumspreis. Dass diese Auszeichnung verdient war, bewies das Quartett jetzt in Frankfurts Alter Oper. Von Eva Schumann

Mit einer zupackenden, jugendlich-frischen Mozart-Interpretation hatte das junge französische Ensemble die Zuhörer sofort gewonnen. Das G-Dur-Quartett KV 387 erklang klar strukturiert, mit durchdachter und spannender Dramaturgie. Die kunstvolle Faktur dieses Werks wurde ebenso deutlich wie Einfallsreichtum und Witz. Heftig traten dynamische Kontraste hervor, präzise kamen Wechsel zwischen zarten und aufmüpfigen Stellen. Im Andante gefiel ein natürliches, nie weichliches Cantabile. Jeder Ton gewann Bedeutung, es gab keine Nachlässigkeit. Mit Schmackes stürzten sich die Vier ins polyphone, transparent dargebotene Finale.

Das tadellose Zusammenspiel bewies, dass die immer noch ungewöhnliche Besetzung mit je zwei weiblichen und männlichen Musikern einwandfrei funktioniert, wobei die Geigerinnen die Primaria-Rolle abwechselnd übernahmen.

Nicht alltäglich und der Moderne aufgeschlossen

Nicht alltäglich und der Moderne aufgeschlossen ist auch das Repertoire. Unter der sicheren Führung von Sarah Dayan interpretierte es das Streichquartett Chiaroscuro des Zeitgenossen Giya Kancheli. Der Komponist bezieht sich auf die Hell-Dunkel-Maltechnik der Renaissance und des Barock. Dieses Prinzip ist in den kontrastierenden Partien zu erkennen. Es wechseln Melodiefragmente, Kantilenen und Vollklänge, helles Zartes und kraftvolles Dunkles, Sanftes und hart Geräuschhaftes. Das Ensemble gestaltete das einsätzige Stück sensibel und hochkonzentriert, vollzog markant Differenzierungen. Vom leisen Beginn zum schmerzhaft Dissonanten ließ es eine stetige Steigerung erkennen und zog den Bogen zum leisen Abklingen. Mit blitzsauberer Intonation und sicherem Wechsel der Spielarten und Timbres brachte es Farben zum Leuchten.

Ins Programm fügte sich vortrefflich Beethovens zweites Rasumowsky-Quartett. Auch bei diesem kühnen Werk, das die Romantik vorwegzunehmen scheint, legten die Musiker Nachdruck auf eine „Chiaroscuro“-Kontrastwirkung, in Klangfarbe, Dynamik, Brüchen und abrupten Wechseln. Wieder frappierte die Mischung aus mutigem Sich-Hineinwagen und souveräner, differenzierter Gestaltung. Die Führung übernahm hier Céile Roubin, ebenso sicher wie ihre Kollegin, doch mit wärmerem und kraftvollerem Ton. Den Geigerinnen gelang zusammen mit dem Bratscher Guillaume Becker und dem Cellisten Florian Frère eine packende Interpretation.

Für den anhaltenden Beifall bedankten sie sich mit einem klanglich delikaten und hinreißenden zweiten Satz des Ravelschen Streichquartetts.

Rubriklistenbild: © Pixelio.de/Peter Kirchhoff

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