Kammermusik in Zeiten der Globalisierung

Wiesbaden - Schon von Hause aus ist Yo-Yo Ma ein Weltbürger, als Sohn chinesischer Eltern in Paris geboren. Ein begnadeter Cellospieler, der zudem Musik als weltweiten kulturellen Brückenschlag versteht. Von Klaus Ackermann

So spannt denn auch der Kammermusikabend des UN-Friedensbotschafters im Wiesbadener Kurhaus den Bogen vom Biedermeier-Wien und Belgien bis hin zu Brasilien und dem Argentinien eines Piazzolla. Hier kongenial unterstützt von der britischen Pianistin Kathryn Stott, die ihre Solisten-Qualitäten nicht hinterm Berg hält.

Die nahezu intime Intensität wird schon äußerlich in Franz Schuberts „Arpeggione“-Sonate offenbar. Näher als gewohnt rückt Yo-Yo Ma dem Konzertflügel für ein Werk, das dem längst vergessen Cello-ähnlichen Wiener Instrument ein bleibendes Denkmal setzt. Mit großem melodischen Atem und virtuoser Filigran-Arbeit verschafft der Meistercellist dieser durchweg balsamischen Kammermusik ein konzertantes Entrée.

Auch Schostakowitschs Sonate für Violoncello und Klavier wirkt eingangs wie ein spätromantisches Nachbeben, das aber satzweise Auflösungserscheinungen zeigt. Im skurrilen Allegro-Scherzo die typische Handschrift des modernen russischen Klassikers bekundend, mit seelischem Tiefenlot in den fahlen Akkordgängen des Largo und wilder Musizierwut im tänzerischen Allegro.

Folkloristische Leidenschaft klassisch geadelt

Ungemein motorisch, aber nie inhaltsleer entwickelt dies der Meistercellist, mit einer Pianistin, die ihre apollinische Anschlagskunst zur kraftvollen Tasten-Attacke erweitern kann. Auch rhythmisch sehr markant im „Le Grand Tango“ des Astor Piazzolla, der folkloristische Leidenschaft klassisch adelt. Mehr klangliches Kolorit als Substanz offenbaren dagegen „Bodas de Prata“ und „Quatro Cantas“, vom brasilianischen Zeitgenossen Egberto Gismonti auf Motive des Portugiesen Cláudio Carneiro – bei aller Intensität des Weltklasse-Duos. Das sein hohes Niveau auch in César Francks für Cello transkribierten Violinsonate A-Dur dokumentiert.

Von morbidem Charme ist das empfindsam aufgeladene Eingangsthema, zyklisch, in allen Sätzen wiederkehrend. Konzertanten Anspruch hat hier der Klavierpart nicht nur im Allegro, von Stott präzise und nervenstark gemeistert. Während der Cellist in den rezitativischen Spannungsfeldern der Fantasia Herzblut vergießt und das finale Ohrwurm-Thema kontrapunktischen Stimmverlauf nimmt - wieder im engen Miteinander. Die choralartige Zugabe könnte glatt als Welt-Hymne durchgehen.

Rubriklistenbild: © pixelio.de/Martina Taylor

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare