Kammeroper im Frankfurter Palmengarten

Heißer Tanz ums lockende Weib

Frankfurt - Nicht erstaunlich, dass die Frankfurter Kammeroper Georges Bizets „Carmen“ für sich entdeckt hat: Von Rossini, lange Zeit Fixstern in der Regievita des Gründers Rainer Pudenz, ist es schließlich nicht weit zu diesem Reißer. Von Stefan Michalzik

Süffige Melodien, mediterrane Prägung – die Parallelen sind offenkundig. Mit seiner Ausgeburt der Exotismusmode des 19. Jahrhunderts knüpfte Bizet an die Musik der Opéra comique an und übertrug sie aufs dramatische Fach. Mit der Leichtigkeit hapert es anfänglich an diesem Abend im Palmengarten, zumindest inszenatorisch. Die ersten zwei Akte schleppen sich träge dahin, immer brav am auf Prosper Mérimées Novelle zurückgehenden Textbuch von Henri Meilhac und Ludovic Halévy entlang.

Der abgerissene Soldatenhaufen ist possierlich zudringlich zu den Arbeiterinnen der Tabakfabrik, bei denen handelt es sich um rauchende „Schlampen“ in lässig-topeleganten schwarzen Kleidern (Kostüme: Margarete Berghoff). Die Bühne haben Mateo Vilagrasa und Frank Keller mit mäßigen Gemälden um den Stierkampf behängt; davon abgesehen wird ein Folklorismus gemieden, das immerhin fällt angenehm auf. Hauptmann Zuniga ist bei Jürgen Orelli eine lächerliche Nummer von fragwürdiger Autoritätsbehauptung, ein Rückfall in Pudenz’ schon fast überwunden geglaubten witzelnden Komödienstil; auch die Turbulenzen in Ensembleszenen sind nach Art des Hauses.

Musikalische Seite bestechend

Nach der Pause erst, im dritten und vierten Akt, erhöht sich der Grad an Binnenspannung, die Sache nimmt dann doch noch Fahrt auf und geht glücklich über die Runden. Bestechend ist einmal mehr die musikalische Seite. Dzuna Kalnina, die dem Klischee vom „rassigen“ Weib ganz sicher nicht widerfährt, es aber nicht überreizt, singt die Carmen mit einem agilen, vollrunden Alt; einige Momente als Domina sind bis zur Karikatur plakativ. Der José von Alec Otto wirkt unheldisch, eine Durchschnittstype, die Tenorstimme ist geschmeidig, schlank und makellos. Der Zuniga von Jürgen Orelly – schneidiger Latin Lover – überzeugt mit stämmigem Bass. Es wird deutsch gesungen, in der flüssigen Übertragung von Anke-Eva Blumenthal und Stanislav Rosenberg, die Textverständlichkeit der Sänger ist löblich. Lebhaft nuanciert ist der Orchesterklang, den Rossini-Schmiss in der Ouvertüre entfacht Dirigent Florian Erdl wunderbar differenziert, die lyrischen Teile setzt er mit Gespür für Nuancen um. Dass manche Klangwirkung in Chor und Orchester ausbleiben muss – geschenkt. Bis 11. August läuft die Vorstellung noch, jeweils um 19.30 Uhr. Karten erhält man unter Tel: 069/1340400.

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