Kartenverkäufer und der Pate von allen

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Sein erstes Konzert veranstaltete Fritz Rau am 2. Dezember 1955 in der Stadthalle in Heidelberg.

Frankfurt/Offenbach ‐ Sein erstes Konzert veranstaltete Fritz Rau am 2. Dezember 1955 in der Stadthalle in Heidelberg. Als Jazzfan hatte sich der Jurastudent die Frankfurt All Stars eingeladen. Von Detlef Kinsler

Mit Albert und Emil Mangelsdorff an Posaune und Saxophon. Mit geliehenem Geld organisierte der gebürtige Pforzheimer das Gastspiel und verkaufte zu aller Überraschung 1400 Tickets. Ausverkauft. Ein Riesenerfolg.´Im Publikum war auch Horst Lippmann, sein späterer Mentor und Partner. Der hatte, drei Jahre älter als Rau, als Schlagzeuger im richtungsweisenden Hotclub Sextett die im Nachkriegs-Deutschland verpönte „moderne Tanzmusik“ gespielt und 1953 das bis heute bestehende Deutsche Jazzfestival in Frankfurt gegründet.

Ein Pionier, dem Rau Respekt zollte und dessen Ruf er nur allzu gerne folgte, als Lipmann ihn als Kofferträger für Tourneen des US-amerikanischen Impressarios Norman Granz vom Neckar an den Main lockte. „Damit öffnete mir Horst Lippmann die Pforten zum Paradies, denn bald begegnete ich nun Ella Fitzgerald, Oscar Peterson, Dizzy Gillespie und all die anderen, die ich wie Götter verehrte“, würde Fritz Rau später immer wieder begeistert von seinen Lehr- und Wanderjahre erzählen. Bald wurde er verantwortlicher Tourneeleiter für Duke Ellington, John Coltrane, Miles Davis, schließlich 1964 gleichberechtigter Partner in der neu gegründeten Konzertagentur Lippmann + Rau, ein Signet, das – nicht nur in Deutschland – Musikgeschichte schreiben sollte.

Nach dem Jazz holten L+R schon in den frühen Sechzigerjahren den Blues über den Großen Teich. Mit ihrem sagenumwobenen American Folk and Blues Festival, das Künstler wie Memphis Slim, John Lee Hooker und Willie Dixon präsentierte, waren sie auch im benachbarten Ausland, in Österreich, der Schweiz und Frankreich unterwegs, lösten sogar in Großbritannien einen wahren Boom aus, auch unter den jungen Musikern, die so ihre Helden sehen konnten.

Beginn einer wunderbaren Freundschaft

In Manchester hingen dann – was Rau, darauf bedacht, dass seine Stars in der Garderobe vor den Auftritten ihre Ruhe hatten, eher ein Dorn im Auge war – „komisch und wild aussehende junge Leute aus London angereist“ (Rau) herum, darunter Mick Jagger, Keith Richards und Brian Jones, die wenig später die Rolling Stones gründeten, aber auch Jimmy Page, der später mit den Yardbirds und Led Zeppelin für Furore sorgte. Rau ließ sie spüren, dass er sie für ungebetene Gäste hielt und Jagger, der Rau einmal „Du bist der Pate von uns allen!“ ins Stammbuch schreiben würde, sagte ihm genauso unverblümt: „Ich habe Dich damals für ein Arschloch gehalten.“ Der Beginn einer wunderbaren Freundschaft.

Fritz Rau hat noch immer viel zu erzählen.

Denn auch was den Rock’n’Roll betrifft, waren Lippmann + Rau Vorreiter. Von 1968 an brachten sie Musiker, die heute noch Legenden sind, oft zu Deutschland-Premieren in das zentral gelegene Frankfurt. The Doors mit Jim Morrison, Janis Joplin (es sollte ihr einziges Deutschlandkonzert bleiben), Jethro Tull und Jimi Hendrix. Alle traten – mit Ausnahme der Doors – in der Jahrhunderthalle auf. Im zu jener Zeit politisch sehr aktiven Frankfurt wurden damals (kommerzielle) Konzerte gern gestürmt und bei Jethro Tull bersteten dann auch die Scheiben der Halle und beinahe hätte es – die Hoechst AG als Eigentümer war „not amused“ – keine Rockkonzerte mehr in Höchst gegeben. Aber Rau sicherte den Auftrittsort unter Einsatz privater Geldmittel: „Für die Freiheit unserer Musik in einer der Öffentlichkeit gewidmeten Halle“ wie Fritz Rau 2005 in seinem Buch „50 Jahre Backstage – Erinnerungen eines Konzertveranstalters“ (Palmyra-Verlag, Heidelberg) notierte.

Damals gab es noch keine Alte Oper

Um dem wachsenden Publikumsinteresse an britischen und amerikanischen Rockbands gerecht werden zu können, wichen Lippmann + Rau bald in die Festhalle aus. Denn Frankfurts „Gudd Stubb“ bot unbestuhlt Platz für 12.000 Menschen. Da spielten dann Led Zeppelin, Frank Zappa, Queen und andere Hochkaräter. Aber auch Offenbach hatte die Agentur auf der Agenda. In der Stadthalle Offenbach - draußen am Ende der Waldstraße - fanden sie eine Spielstätte, die sich wesentlich von den anderen Sport- und Mehrzweckhallen der Region, der Rhein-Main-Halle in Wiesbaden, der Rheingoldhalle in Mainz oder der Walter-Köbel-Halle in Rüsselsheim unterschied und bald als Auftrittsort diente für Bands wie Eric Burdon & War, Rory Gallagher und Gentle Giant – liebevoll von Rau groß gemacht, weil musikalisch so gut und anspruchsvoll, dass der Fan über den Buchhalter triumphierte und der „Kartenverkäufer“ (wie er sich gerne selber nannte) auch mal drauflegte.

„Es gab damals noch keine Alte Oper, die Kongresshalle war wie die Festhalle oft durch die Messe Frankfurt belegt, also suchten wir nach einer Halle mittlerer Kapazität“, erinnert sich Rau im Gespräch mit unserer Zeitung. „Und mit Herrn Weber, damals Manager der Halle, arbeiteten wir sehr gut zusammen. Wir waren dort willkommene Gäste.“ Was die Stadthalle auszeichnete, war die Bühne an der Längsseite der Halle. „So hatten auch bei unbestuhlten Konzerten alle einen guten Blick auf die Bühne und selbst die, die auf der gegenüberliegenden Seite auf der Tribüne saßen, hatten das Gefühl, nah am Geschehen zu sein. So erlebten wir da sehr viele schöne Konzerte.“ Eines davon war der erste Auftritt vom späteren Superstar Sting hier am Main, der mit seinen Kollegen Andy Summers und Stewart Copeland 1978 mit dem Multimedia-Projekt des deutschen Orchesterleiters und Synthesizer-Pioniers Eberhard Schoener das Publikum mit seiner hohen Stimme überzeugte (die Musik von The Police wurde damals noch weitestgehend ignoriert).

Zu den schönen Momenten gehörte aber auch der Auftritt der Grünen Raupe. Rau hatte sich, angefixt von seinen politisch engagierten Künstlern wie Udo Lindenberg, in den Dienst der Grünen gestellt, wurde zwischenzeitlich Wahlkampfhelfer für eine Bunte Republik Deutschland (O-Ton Lindenberg) und präsentierte bei den überaus erfolgreichen „Get Togethers“ von Künstlern und Politikern vor Publikum auch lokale Helden wie das Frankfurter Kurorchester. Claudia Roth und Petra Kelly, die Friedensaktivistin und Grünen-Ikone, waren mit von der Partie und Rau arbeitete eng mit Hage Hein, einem Münchner Veranstalter der Alternativszene zusammen, der seine Agentur als Verballhornung und Kritik an der kommerziellen Ausrichtung von Lippmann + Rau Shitman & Blau genannt hatte. Gemeinsam schickten die plötzlich verbrüderten „Klassenfeinde“ dann Ton Steine Scherben mit Rio Reiser auf Tournee.

30.000 Plätze garantierten erfolgreiche Konzerte

Anfang der Achtzigerjahre wurde auch der Bieberer Berg eine wichtige Tourneestation im Kalender der großen Stars. „Das Waldstadion in Frankfurt war so riesig und die 30.000 Plätze auf dem Bieberer Berg garantierten erfolgreiche und schöne Konzerte“, überzeugten Lippmann + Rau erst Simon & Garfunkel, dann David Bowie auf seiner „Serious Moonlight“-Tournee und sogar Altmeister Bob Dylan ins kleine, feine Fußballstadion zu kommen.

Zu Dylan, der mit Ex-Rolling Stone Mick Taylor und Small Faces-Keyboarder Ian MacLagan auf den Berg kam, buchte Rau noch Joan Baez, Santana und – immer wieder unterstützte er auch gerne Musiker aus der Region – die Rodgau Monotones, die für die internationalen Stars anheizten. Auch wenn Joan Baez gerne mit Bob Dylan gemeinsam gesungen hätte, das Privileg gemeinsam dargebotener Songs bekam an jenem Tag nur Carlos Santana, der Herrn Robert Allen Zimmerman im Finale begleiten durfte in furiosen Versionen von „The Times They Are A-Changin´“ und natürlich „All Along The Watchtower“. „Später hatten wir dann auch den Mut, ins Waldstadion zu gehen“, erklärt Fritz Rau das eher kurze Gastspiel am Bieberer Berg von nur drei Jahren. „Das einzig Schlimme dort war die Parkplatzsituation bei ausverkauften Festivals und der damit verbundene, oft lange Anmarsch den Berg hinauf.“ Von den in 50 Berufsjahren veranstalteten 60.000 Konzerten bundesweit, fand jedenfalls eine erkleckliche Anzahl auch in Offenbach statt.

Wenn Fritz Rau nun morgen am 9. März seinen 80. Geburtstag feiert und sich elf Tage später am 20. März in der Alten Oper beim Festkonzert feiern lassen muss, ist Dieter Nentwig Mitveranstalter. Der Manager der Barrelhouse Jazzband, der aktuell auch die Lesereisen von Fritz Rau organisiert und sagt, er sei musikalisch von den American Folk and Blues Festival seines großen Kollegen sozialisiert worden, ist zwar gebürtiger Frankfurter und betreibt seine Kulturarbeit seit nunmehr 20 Jahren aus einem alten Bullenstall in Erlensee heraus, war aber fünf Jahre lang auch ein „temporärer Offenbacher“.

Das Schizophrene abbilden

Nachdem schon 2005 ein Konzert zum 50. Bühnenjubiläum von Rau nicht zustande kam, ist es Nentwigs Hartnäckigkeit zu verdanken, dass es jetzt ein längst ausverkauftes Festkonzert zum 80. Geburtstag gibt. „Das war ihm alles zu viel. Er wollte eigentlich nicht geehrt werden“, erinnert sich Nentwig an lange Diskussionen, Zusagen und Absagen bis dann endlich doch das OK des Jubilars kam und die Alte Oper schnell als Ko-Veranstalter gewonnen werden konnte. „Mir war das alles etwas unheimlich“, kommentiert Fritz Rau und betont, dass Nentwig eine „lange Überzeugungsarbeit“ leisten musste.

Wichtig war dem Impressario, die Künstler, die mitwirken, „meine Kumpels“, benennen zu können. „Das Schizophrene meines Geschmacks sollte abgebildet werden“, lacht Rau, dem das Rock’n’Roll-Rentnertum abgeht und der – auch wenn er sich lange aus dem aktuellen Tourneezirkus verabschiedet hat – seine Mission noch lange nicht für beendet hält. Und so kommen nun die Barrelhouse Jazz Band, Howard Carpendale, Frank Diez, The Jackson Singers, Jean-Jaques Kravetz, Udo Lindenberg, Peter Maffay, das Emil Mangelsdorff Quartett, Ulla Meinecke, Nana Mouskouri, Inga Rumpf, Jürgen Schwab und die hr-Bigband auf ein Ständchen zu ihrem Papa Rau nach Frankfurt. „Das wird ein interessantes, verrücktes Konzert“, glaubt Rau.

Bei der Party im Foyer der Alten Oper danach spielt die Vadders Finest Blues Band. An der Gitarre Andreas Rau, Fritz’ Sohn, der seiner Liebe zum Blues dank Lehrmeistern wie Jimi Hendrix nach wie vor frönt, ansonsten aber in der Produktentwicklung von BMW in München arbeitet und dort in seiner Wohnung das alte Sofa, auf dem einst Hendrix zu Besuch im Bungalow der Eltern in Oberursel saß, wie seinen Augapfel hütet.

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