Kein Dicker in Strumpfhosen

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Unmaskiert, aber längst nicht gezähmt: Gene Simmons, Eric Singer, Paul Stanley und Tommy Thayer sind Kiss

Frankfurt - Opulent bis feudal gestaltet sich das lustige Musikantenleben – meint zumindest der Volksmund über die Gepflogenheiten berühmter Zeitgenossen. Von Ferdinand Rathke

In Teilen bestätigt wird der Eindruck, wenn die schon etwas betagteren Herren von Kiss zum Stelldichein in die Frankfurter Luxus enklave Villa Kennedy laden, um in einer knappen Stunde in behaglicher Atmosphäre über die Tournee „Sonic Boom Over Europe: From The Beginning To The Boom“ anlässlich des 35. Bühnenjubiläums zu plaudern. Ganz so vollmundig wie früher inszenieren sich Kiss heute nicht mehr. Längst im Trockenen haben die kaum merklich gealterten Musiker ihre Milliönchen – da genügt es den „Schweinhunds of Rock“, wie der deutschstämmige Bassist Gene Simmons seine Formation bezeichnet, mit überwiegend moderatem Auftreten auf „The Avatar Of Concerts“ aufmerksam zu machen.

Mächtig reingebuttert aus eigener Tasche haben Kiss in die technisch aufwendige Produktion, die in Leipzig (25. Mai), Berlin (26. Mai), Hamburg (31. Mai), Oberhausen (1. Juni) sowie „Rock am Ring“ und „Rock im Park“ (3. bis 6. Juni) Station machen wird. Eine lückenlose Rückschau der künstlerischen Entwicklung garantiert das US-Quartett zwischen Appetit anregenden Happen und deftiger Kartoffelsuppe.

„Wir spielen, was die Fans wünschen“, erläutert Sänger und Gitarrist Paul Stanley das Konzept, um aber auch gleich klar zu stellen: „Wir spielen aber auch Stücke von unserem neuen Album ,Sonic Boom’.“ Weit weniger auskunftsfreudig reagiert die mit Schlagzeuger Eric Singer und Gitarrist Tommy Thayer komplettierte Band auf leidiges Nachfragen bezüglich der Bühnenshow. Außer dass viel Feuer und Rauch sein wird, lassen sich die augenscheinlich selbstverliebten Herren nichts entlocken. „Ihr würdet ja auch nicht gern vorher erfahren, was ihr zu Weihnachten bekommt“, entgegnet Simmons einer allzu hartnäckigen Nachfragerin.

Kernfrage nach Workouts, Joggen, Gewichtheben

Sarkastisch wird es gar, als eine weitere Dame die nicht uninteressante Frage stellt, wie viel Zeit sie in ihrem Leben damit zugebracht haben, Make up aufzulegen? Ganz uncharmant antwortet der sonst seinem Ruf als Frauenbetörer bereitwillig nachkommende Simmons. Dass alle vier Ästheten sind, macht indes die Frage nach dem gegenwärtigen Zustand der Fitness klar: „Niemand will dicke Kerle in Strumpfhosen sehen“, erläutert der mit ungewohnter Kurzhaarfrisur recht kokett wirkende Paul Stanley. Vergisst aber geflissentlich, die Kernfrage nach Workouts, Joggen oder Gewichtheben zu beantworten.

Als „gute Freunde“ bezeichnen Kiss die Scorpions, die sich ja auf Abschiedstournee befinden. Eine Option, ebenfalls mal dem Schaugeschäft endgültig den Rücken zu kehren, sehen die beiden Strategen Simmons und Stanley indes noch nicht. Schlicht begeistert zeigen sie sich allerdings von Luxustickets in Höhe von 1.000 Euro, die es dem Besitzer erlauben, das berüchtigte Kleeblatt nach der Show persönlich kennen zu lernen. In Zeiten allgemeiner Krise erinnert das lukrative Vorhaben irgendwie fatal an Außenminister Guido Westerwelles „spätrömische Dekadenz“.

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