Film von Hossein Pourseifi

„Morgen sind wir frei“ im Kino: Die iranische Revolution frisst ihre Jünger

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Die DDR-Chemikerin Beate in Teheran: „Morgen sind wir frei“ von Hossein Pourseifi im Kino  

Ein deutscher Debütfilm über die iranische Revolution: Hossein Pourseifis „Morgen sind wir frei“ befreit sich nur selten aus der bloßen Geschichtsbebilderung.

Wer sich an die iranische Revolution erinnert, kann auch den Pessimismus nicht vergessen, mit dem in den westlichen Medien die Rückkehr Ruhollah Khomeinis aus dem Exil begleitet wurde. So sehr die Kritik am Schah-Regime die 68er-Bewegung geeint hatte, so wenig mochten besonnene Zeitgenossen dem schiitischen Ajatollah den Wiederaufbau einer Demokratie zutrauen.

Gleichwohl kehrten exilierte iranische Kommunisten in Scharen hoffnungsvoll in ihre Heimat zurück – Khomeini umwarb sie zunächst, nur um ihre Ideologie später für gottlos zu erklären. Nach wahren Begebenheiten erzählt Hossein Pourseifi in seinem Filmdebüt von einem deutsch-iranischen Ehepaar, das 1979 mit der Tochter aus der DDR nach Teheran zieht, und dem Scheitern seiner Hoffnungen.

Fernsehbilder von damals sind die einzigen historischen Quellen, die sich Pourseifis historisches Kammerspiel wie Fensterblicke erlaubt, doch etwas daran irritiert. Nicht nur, weil sich damals nur wenige DDR-Bürger Farbfernseher leisten konnten, die das Westfernsehen farbig zeigen konnten. Auch weil die kritischen Töne in den Berichten fehlen. Sollten zwischen einer deutschen Akademikerin und einem Exil-Iraker, einem Paar, das sich zur Ausreise entschließt, diese Bedenken kein Thema gewesen sein?

Hossein Pourseifi: „Morgen sind wir frei“ im Kino - Figuren als Funktionsträger

Der Chemikerin Beate, der Pourseifi mehr Aufmerksamkeit schenkt als ihrem Ehemann Omid, macht nicht nur die Liebe den Abschied leicht. An ihrer Berliner Universität verweigert man ihr wegen mangelnder Leistungen in Marxismus-Leninismus die Zulassung zur Dissertation. Ist das glaubwürdig oder wurde hier nur eine zusätzliche Motivation ins Drehbuch geschrieben? Später, als sie in der DDR-Botschaft in Teheran die Möglichkeiten der Ausreise erkundet, rühmt sie sich guter Kontakte zur Stasi; Omid besitzt sogar einen ostdeutschen Diplomatenpass. 

Es ist schon das zweite Mal, dass man – nach der ausgebliebenen Debatte um die politische Lage im Iran – das Gefühl hat, der Regisseur traue der eigenen Erfindung nicht so ganz; hier ist es die Liebesgeschichte. Dabei lässt Katrin Röver, die Beate in bewundernswerter Klarheit spielt, an der Tiefe ihrer Gefühle gar keinen Zweifel.

In Teheran, wo Omid (Reza Brojerdi) als Chefredakteur einer linken Zeitung schnell an die Grenzen der Pressefreiheit stößt, kommen weitere Figuren hinzu, die vorrangig Funktionsträger sind: Da ist Omids Schwester, die sich über die rasch einsetzende Entrechtung der Frauen beklagt. Oder die fromme Mutter, die dem gelehrigen Mädchen aus dem Koran vorliest. Eine junge Studentin muss – vor den Augen ihrer neuen Freundin Beate – für ihre revolutionäre Gesinnung sterben. Auch Omid ist so archetypisch, dass es fast schon wieder unglaubwürdig ist: Für einen kritischen Journalisten ist er verblendet in seinem Patriotismus – und macht einen Kompromiss nach dem anderen, bevor er für einen einzigen kritischen Text im Gefängnis landet.

„Morgen sind wir frei“ von Hossein Pourseifi im Kino: Eindimensionale Geschichte

Jede dieser Rollen wird durch vorzügliche Darsteller lebendiger, als es die trockenen Dialoge nahelegen. Doch die Eindimensionalität dieser Geschichte bleibt, die keinen Augenblick Abstand gönnt vom historischen Lehrstück. Noch immer sind Ausschnitte aus alten Nachrichtenfilmen die nahezu einzigen Außenansichten, die einzigen Bilder vom revolutionären Iran in dieser deutschen Studioproduktion. Nur, dass sie nun nicht mehr allein im Fernsehen laufen, sondern direkt in den Film geschnitten sind. Das könnte für formale Spannung sorgen, doch die naturalistische Inszenierung weiß mit diesem Verfremdungseffekt wenig anzufangen.

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Es wäre ungerecht, einen deutschen Film, nur weil er in Teilen auf Farsi gedreht ist und im Iran spielt, gleich an den hochstehenden Erzählformen des iranischen Kinos zu messen – an der visuellen Klarheit oder dem virtuosen Spiel mit Erwartungen. Aber man sieht doch, mit wie wenig sich das deutsche Kino zufriedengibt. In kaum einer anderen Filmkultur hat ein ungebrochener Naturalismus einen derart hohen Stellenwert. Wo sonst stellte man die bloße Vermittlung von Inhalt derart über die Form? Wo sonst wird das, was sonst ein historischer Hintergrund wäre, der sich in all seiner Härte auch subtil vermitteln ließe, zum Vordergrund erklärt?

Kino: „Morgen sind wir frei“ von Hossein Pourseifi mit vorzüglichen Darstellern

Wenn es ein spezifisches deutsches Genre gibt, dann ist das neben dem Heimatfilm vor allem der Problemfilm in seiner reinsten Form: als Kino, das alles der Darstellung eines einzigen Konflikts unterordnet. Als gäbe es für die Figuren nichts anderes mehr als ihre Position zu diesem Konflikt. 

Natürlich besitzt auch das strengste Lehrstück-Kino immer irgendetwas, das sich der Funktionalisierung entzieht und sei es unbeabsichtigt: eine Kamera, die mehr im Blick hat, als sie vielleicht zeigen soll. Ein Schnitt, der etwas auffächert, das sonst plan gelegen hätte. Eine Musik, die vielleicht einen ästhetischen Überschuss freisetzt. Oder – wie in diesem Fall – begabte Darsteller, die Nuancen herausspielen und dadurch ihre Rollen lebendiger machen, als sie geschrieben sind.

Von Daniel Kothenschulte

Morgen sind wir frei.  Deutschland 2019. Regie: Hossein Pourseifi. 98 Min.

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