„Everybody’s Fine“: Heilsame Reise in die Realität

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Einsamer Witwer sucht Draht zur Familie: Schauspielgott Robert De Niro in einer Paraderolle (hier mit Drew Barrymore).

Warmherzig, bittersüß, aber nie rührselig: Nach einigen Fehlgriffen bei seinen Filmprojekten, zeigt sich Robert De Niro im Familiendrama „Everybody’s Fine“ wieder in einer Paraderolle.

Schauspiel-Gott Robert De Niro hat bei der Auswahl seiner Filmprojekte in den vergangenen Jahren nicht immer ein glückliches Händchen bewiesen. Mit Schaudern erinnert man sich etwa an Komödien-Gurken wie „Showtime“ und Horror-Flops wie „Godsend“. Schön, ihn mal wieder in einer Paraderolle zu sehen: Mit dem Remake von Giuseppe Tornatores 20 Jahre altem Familiendrama „Allen geht’s gut“ tritt er in die Fußstapfen von Marcello Mastroianni – und glänzt als stiller, einsamer Rentner Frank Goode, der nach dem Tod seiner Frau die Familie wieder vereinen will.

Mit Vorliebe erzählt Frank jedem, was für erfolgreiche Kinder er großgezogen hat: einen Dirigenten, einen Künstler, eine Tänzerin und eine Werbeagentur-Chefin. Als alle vier nacheinander ihre Teilnahme an einem Familientreffen absagen, bricht der Witwer zu einer Fahrt quer durch die USA auf, um seinen Nachwuchs mit Besuchen zu überraschen. Dabei muss er erkennen, dass das Leben seiner Sprösslinge alles andere ist als Friede, Freude, Eierkuchen.

Als schwer schuftender Telefondrähte-Hersteller hat Frank Millionen Menschen ermöglicht, miteinander zu kommunizieren – doch als strenges Familienoberhaupt hat er vergessen, zu seinen Kindern einen Draht aufzubauen. Überfordert von den Perfektionsansprüchen des Vaters, haben die vier nur mit der Mutter über ihre Probleme gesprochen. Nun kommt Frank den kleinen Lügen und großen Geheimnissen auf die Spur: Sein Road Trip wird zur heilsamen Reise in die Realität. Mit seinem beigefarbenen Opi-Anorak wirkt er bisweilen wie ein Bruder der Titelfigur aus „About Schmidt“. Robert De Niro spielt ihn nuanciert, ohne Manierismen, erstaunlich zurückgenommen – und dadurch umso bewegender: Unter der Fassade der Respektsperson offenbart er ein großes Herz und eine ebenso große Verletzlichkeit. An seiner Seite laufen Drew Barrymore, Kate Beckinsale und Sam Rockwell gleichfalls zur Höchstform auf.

Anrührend, aber nicht rührselig: Das ruhig dahinfließende Roadmovie von Autor und Regisseur Kirk Jones („Lang lebe Ned Devine“) ist eine warmherzige, bittersüße Dramödie, geprägt von leisem Humor. Jones inszeniert konventionell, verzichtet auf Tornatores virtuose Traumsequenzen, findet jedoch mit den Telefondrähten, die die dahinfliegende Landschaft durchziehen, ein hübsches, sinnvoll eingesetztes Leitmotiv. Ganz zum Schluss wird er ein bisschen schmalzig, treibt uns dafür aber Tränen in die Augen – und regt uns dazu an, endlich mal wieder daheim anzurufen.

von Marco Schmidt

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