Countertenor Andreas Scholl im Mittelpunkt des Rheingau-Wochenendes

Klang braucht eine Idee

Wiesbaden - In Kloster Eberbach hatte Andreas Scholl bereits mit 18 Jahren einen ganz kurzen Auftritt. Als Umberto Ecos Roman „Der Name der Rose“ 1986 in der Klosteranlage verfilmt wurde, wirkte Scholl nämlich als Statist mit. Von Axel Zibulski

Schließlich war der Weg von Kiedrich, wo der Countertenor bei den Chorbuben seine ersten musikalischen Erfahrungen sammelte, nicht weit. Eine Verwandte habe ihn im Film sofort erkannt –am Schielen, das bald darauf behoben worden sei, wie der Sänger im Gespräch mit Katharina Eickhoff freimütig einräumte.

Das Rheingau Musik Festival hat Andreas Scholl ein ganzes Wochenende gewidmet. An das Gespräch in der Kelterhalle am Oestricher Festival-Sitz schlossen sich eine „Musikalische Rheingaureise“ sowie ein Konzert in Kloster Eberbach an.

Bei der Rheingaureise folgte der Sänger seinem Publikum in die Christophoruskirche im Wiesbadener Stadtteil Schierstein, nach Mariae Himmelfahrt in Hallgarten sowie in die Mittelheimer Basilika St. Aegidius. Eine „Carte blanche“ habe ihm das Festival für die Programmplanung zugesteckt. Scholl hat sie genutzt, um Künstler, mit denen der 43-Jährige seit langem zusammenarbeitet, an die Etappenziele einzuladen. In Schierstein zum Beispiel spielte Scholls Lebensgefährtin Tamar Halperin auf dem Cembalo Werke von Johann Sebastian Bach, dem erklärten „Lieblingskomponisten“ des Countertenors, der, wie er sagte, seine Kopfstimme „in einer Mischung aus Training und Talent“ über den Stimmbruch bewahren konnte.

Werke von Händel und Purcell standen auf dem Programm, als Andreas Scholl beim Abschlusskonzert des ihm gewidmeten Wochenendes in der Eberbacher Basilika seine „favourite songs“ interpretierte, zusammen mit seiner Schwester, der Sopranistin Elisabeth Scholl.

Mittlerweile ist er natürlich Hauptfigur, wenn er in Kloster Eberbach auftritt, in diesem Sommer übrigens zum ersten Mal beim Rheingau-Festival. „Meine Aufgabe als Sänger ist es, mit Musik Sinn zu machen“, hatte der Countertenor im Gespräch als Anspruch formuliert. Und: „Alles, was klingt in der Musik, muss eine Idee haben.“ In Eberbach ließ sich das im Konzert mit dem italienischen Kammerorchester Accademia Bizantina erleben. Zum Beispiel, als Andreas Scholl in Henry Purcells „Frost song“ bei musikalischer Kälte dennoch emotionales Glühen vermittelte. Oder, gemeinsam mit seiner Schwester, im Händel-Duett von Cäsar und Kleopatra als reinem Ausdruck unbedingter Liebe: Beide Scholl-Geschwister wurden in Eberbach mit besonders nachdrücklichem Beifall gefeiert.

Noch näher als in Eberbach war Andreas Scholl seinem Publikum auf der Rheingaureise gekommen, mischte sich etwa während der Mittagspause in Hallgarten unter die Besucher. Das Kurzkonzert dort gestalteten vier Mitglieder der Accademia Bizantina mit frühbarocker Instrumentalmusik aus Italien; Scholl ergänzte um Henry Purcells „Evening Hymn“.

Und das Vokaltrio „White raven“, das in der Mittelheimer Basilika auftrat, hatte zuvor bereits Katharina Eickhoffs Interview mit dem Sänger abgerundet. Anderthalb Stunden sprach er über Jugend und Familie in Kiedrich, das Studium in Basel, den Beruf des Sängers und über das Gut in Kiedrich, wo er seit einigen Jahren wieder lebt. Eine Markierung habe er an einer Stelle des historischen Bauwerks entdeckt: 1685, Bachs Geburtsjahr. Wenn das kein Grund für noch mehr Zeit im Rheingau ist.

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