Händels Opus magnum „Messiah“ in Alter Oper europäisch getönt

Klang-Predigt der Propheten

Die englische Originalversion mit britischen Solisten, dem französischen Choeur du Concert d’Astrée und einer Kammerbesetzung des hr-Sinfonieorchesters: Georg Friederich Händels „Messiah“, der mittlerweile ganzjährig Konjunktur hat, war in der Alten Oper Frankfurt wahrlich europäisch getönt. Und mit der Pariser Barock-Spezialistin Emmanuelle Haim sorgte zudem eine ungemein biegsame Dirigentin bei straffen Tempi für frischen Wind, die starken Affekte in Händels Opus magnum gleichsam vorlebend.

Entsprechend intensiv gedieh ein Christus-Oratorium, in dem Librettist Charles Jennens die Weissagungen der Propheten über Geburt und Leben Jesu bis hin zu Tod, Auferstehung und jüngstem Gericht zu einer Predigt geformt hat, die durch Händels feinfühlige Arien, machtvollen Lobgesang und urmenschliche Empörung zum facettenreichen Glaubens-Plakat wird. Zumal die auf historische Klangforschung geeichte Dirigentin Händels Musik als klangliche Rede und Gegenrede schon gestisch begreifbar machte.

Rhythmisch kräftiger Durchzug herrscht bereits in der Symphony, von keinem Streicher-Vibrato verwässert und klanglich klar konturiert. Mit melodiösem Oboen- und Fagott-Zierrat und noch in extremer Höhe federleichtem, aber stets präzisem Trompeten-Ton hat das hr-Ensemble Haims heftige Dirigierimpulse verinnerlicht. Wie träumerisch abgehoben wirkt die Hirtenmusik, auch ein empfindsames Wiegenlied.

Der von Haim gegründete und von Alan Bates einstudierte Choeur du Concert d’Astrée pflegt mit den vier hohen Männerstimmen zusätzlich im Alt die ungewöhnlichere Klangmischung, bei hymnischer Deklamation und rhythmisch ausgefederten Koloraturen Bindeglied zwischen kernigem Männergesang und den glockenklaren, lieblichen Sopranen. So bekommt das eher zurückgenommene, berühmte „Halleluja“ eine innere Beweglichkeit, die ebenso einnimmt wie die finalen Fugen mit ihrer betonten stimmlichen Trennungsschärfe.

Mit den Alt-Arien betraut, passt der kanadische Countertenor Matthew White ideal ins barocke Oratorienbild, weil da hörbar ein Mann seine Kopfstimme in unerhörte Höhe überführt, ausdrucksstark und weitgehend ungekünstelt. Seine theatralen Fähigkeiten hält der stimmlich druckvolle Bassist Christopher Purves nicht unter Verschluss, lässt die Heiden ob Christi Erscheinung toben und inszeniert selbst inneren Aufruhr noch bewusst. Ist der anfangs ein wenig nasal tönende lyrische Tenor John Tessier ein eher wertneutraler Oratorienprotagonist, so setzt vor allem die kurzfristige Einspringerin solistische Glanzpunkte. Carolin Sampsons Sopran glüht gleichsam von innen heraus, eine stimmliche Perle, prädestiniert für barocken Wohllaut, die jede empfindsame Arie, jede Koloratur zur Kostbarkeit erhebt. Knappes Fazit am Ende des ergiebigen Händel-Jahres (250. Todestag): Soviel harmonisches Einvernehmen noch im polyphonen Wettstreit der Stimmen lässt für Europa hoffen. KLAUS ACKERMANN

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