Klangflüsterer erlaubte tiefe Brahms-Einblicke

Er ist nicht nur „einer der führenden Pianisten seiner Generation“, wie es schon gebetsmühlenartig in den Programmheften bei jedem zweiten Solisten heißt: Lars Vogt und Tschechische Philharmonie in der Alten Oper.

Lars Vogt ist auch einer der leisesten Tastenmeister, dessen Klanggeflüster beim sinfonisch aufgezäumten, tiefe Einblicke gestattenden Brahms-Konzert Nr.1 die in der Alten Oper zum Husten neigenden Zuhörer zu Mucksmäuschen bannte. Weiterer gewichtiger Programmpunkt war Dvoraks Sinfonie „Aus der Neuen Welt“, für die Tschechische Philharmonie allemal ein Muss. Hatte doch der Komponist das Orchester anno 1896 dirigierend aus der Taufe gehoben. In Frankfurt erwies sich der Österreicher Manfred Honeck als temperamentvoll-umsichtiger Mann am Pult.

Wilde Oktavsprünge und gespenstische Triller – vehement ist der Einstieg der Tschechen in die obsessiven Klangwelten des Klavierkonzerts mit den anfänglich wie wild gewordenen Kesselpauken. Ehe die langwierige Einleitung einem milden Terz- und Sextenthema weicht, dessen Griffigkeit der Pianist erprobt – den Klavierklang auch in hauchfeine Partikel zerlegend.

Orchester und Solist bilden einen sinfonischen Organismus, mit donnernden Passagen des Klaviers bei reichlich Pedaldampf, aber auch mit sanft perlenden Läufen und Kantilenen, in unendlicher Ruhe entwickelt. Vor allem im melodisch intimen Klangporträt der geliebten Clara Schumann, dessen Leidenschaftlichkeit selbst vor den orchestralen Tieftönern nicht halt macht. Wie letzte Worte muten diese seelenvollen Passagen an, für die sich Lars Vogt alle Zeit der Welt nimmt. Und die im ungarisch angehauchten Rondo freudig bewegter Zuversicht weichen.

Selbst hier liegen Dur und Moll dicht beieinander, während Vogt per Körperschwung mitzudirigieren scheint, was kaum nötig ist: Ob nun virtuoser Zwischengalopp oder feinfühliges Poetisieren – Honeck versteht es ideal, sein Orchester auf Vogts dreifaches Pianissimo einzustimmen. Ein besonderer Reiz liegt darin, dass der Weltklassepianist aus dem niederrheinischen Düren den Tradition bewahrenden Brahms auf Zukunftsreise schickt – Chopin oder der Impressionist Debussy sind klanglich keineswegs weit entfernt. Die Schubert-Zugabe (Moment musicale f-Moll) ist da pure Leichtigkeit pianistischen Seins. Und zaubert ein Lächeln – auch ins Gesicht des so ernsthaften Interpreten.

Dann der Schwenk in die „Neue Welt“ – mit volksliedhaft anmutenden Erinnerungen an die alte: Bei Dvorak braucht man die Philharmoniker nicht zu motivieren. Bis hin zu den weichen Hörnern, den festlichen Trompeten, den „böhmischen“ Holzbläsern ist klanglich jeder von Adel, was Honeck, auch Generalmusikdirektor an Stuttgarts Staatsoper, zu nutzen weiß. Wie er die Themen – mit dem fein phrasierten Englisch-Horn-Ohrwurm an zentraler Stelle – etabliert, entwickelt, miteinander verbindet, das garantiert sinfonischen Hochgenuss, der auch bei den Zugaben anhält: Bis zum Auszug des Rezensenten waren dies die griffige Serenade aus einem Quartett von Roman Hofstetter (1772-1815) und der unvermeidliche Slawische Tanz Nr. 15. Vielleicht noch ein Brahms?!

KLAUS ACKERMANN

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