Sächsische Staatskapelle in Wiesbaden

Klare Sicht auf den Romantiker

Als die Nationalsozialisten die Werke des gebürtigen Juden Felix Mendelssohn Bartholdy verboten hatten, suchten sie nach einer Art Ersatz für dessen populäres Violinkonzert e-Moll op. 64. In den Archiven ruhte ein bis dahin nie aufgeführter Gattungsbeitrag, den Robert Schumann 1853 komponiert hatte.

Nach dem Willen des Widmungsträgers Joseph Joachim sollte das Violinkonzert d-Moll erst 100 Jahre nach dessen Tod aufgeführt werden – diese Maßgabe hebelten die Nazis aus, als sie das Konzert 1937 in Berlin uraufführen ließen. Nicht unerwähnt sei freilich, dass sich auch Künstler wie Yehudi Menuhin für eine frühe Veröffentlichung eingesetzt hatten.

Jetzt stand das bis heute selten gespielte Werk im Zentrum eines Konzerts beim Rheingau Musik Festival. Der Solist Nikolaj Znajder und die Sächsische Staatskapelle Dresden verdeutlichten in ihrer Interpretation im Wiesbadener Kurhaus, dass das Stück mit Blick auf seine musikalische Substanz für propagandistische Zwecke denkbar ungeeignet erscheint. Schon den melancholischen Grundton, der den fern aller vordergründigen Virtuosität stehenden Kopfsatz prägt, unterstrichen sie in ihrer auf gedrosselte Tempi setzenden Perspektive. So kostete Colin Davis bereits in der Orchestereinleitung die Streicher-Tremoli bis auf die Einzelnote aus, und Znajder musste die Binnenspannung jedes Tons für besonders weite Phrasierungsbögen einsetzen. Dass er dabei romantische Klischees wie ein zu üppiges Vibrato konsequent vermied, sprach ebenso für seine Interpretation wie die meist völlig tadellose Intonation selbst im filigranen Pianissimo – vor allem im langsamen Satz gefragt. Ihn prägt jenes Motiv, das Schumann wenig später zum Thema seines letzten Werks, der so genannten „Geister“-Variationen für Klavier, machen sollte. Dem Gerücht, Schumann sei bereits bei der Komposition des Violinkonzerts geistig umnachtet gewesen, hielt man hier eine umso klarere, geschmeidige Sicht auf die romantische Preziose entgegen.

Den Rahmen bildeten zwei Kompositionen Mendelssohns, wobei die Sächsische Staatskapelle bereits dessen Konzertouvertüre „Das Märchen von der schönen Melusine“ op. 32 mit edel-breitem Mischklang zwischen Bläsern und Streichern gestaltete. Eher opulent auch die Aufführung der „Schottischen“ Sinfonie Nr. 3 a-Moll op. 56. Der hymnische Abschluss des hier partiturgetreu ohne Satzpausen gespielten Werks erklang gleichwohl in noch einmal gesteigerter Emphase. Umso intimer die Zugabe, ein kurzer Satz aus Mozarts Oper „Idomeneo“. JÖRG SANDER

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