Klassik-Punk als Motivator

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Wenn er auf die Bühne tänzelt, glaubt man auf dem falschen Dampfer zu sein. Doch wenn Nigel Kennedy zur Meistergeige greift, kann sich kaum jemand seiner Ausstrahlung entziehen.

Frankfurt - Wenn er auf die Bühne tänzelt, glaubt man auf dem falschen Dampfer zu sein. Doch wenn Nigel Kennedy zur Meistergeige greift, kann sich kaum jemand seiner Ausstrahlung entziehen. Von Klaus Ackermann

Johann Sebastian Bach und Duke Ellington waren Eckpfeiler des Programms in der gut besuchten Alten Oper Frankfurt – und natürlich schwebte Kennedy über allen Wassern, der selbst hehrem Barock und Jazz neues Leben einhaucht und dabei viel Exzentrik ins Spiel bringt. Nicht von ungefähr heißt das vom Klassik-Punk auserwählte Streichensemble – überwiegend junge Damen, instrumental topfit – Orchestra of Life, das mit dem Nigel Kennedy Quintet, Jazzer aus Polen plus Orphy Robinson an Vibraphon und dem Gitarristen Doug Boyle, Wege zwischen Klassik und Jazz erkundet.

Dass es sich um eine verschworene Gemeinschaft handelt, signalisieren schon die Aufmunterungsschreie, bevor das Nigel-Kennedy-Kollektiv mit Verspätung auf die Bühne kommt – immerhin dauerte das Konzert über drei Stunden. Ein paar Mätzchen, ein paar Witzchen, immer wieder die unter Boxern übliche Fairness-Faust: Vehement ist der Einstieg in Bachs Violinkonzert E-Dur, in dem der druckvoll aufspielende Solist Kennedy Duftmarken in eigenwilliger Dynamisierung und Akzentuierung setzt.

Druckvoll ausgesungen das Adagio, bei dem die Streicher sogar historische Klangforschung nutzen. Und schließlich ein virtuoses Allegro, mit einer sehr freien Kadenz, bei der Kennedy und sein Cembalist in improvisatorischen Clinch gehen.

Scharmützel mit den Jazzern

Der Brite erweist sich auch bei den vier zweistimmigen Inventionen von Bach, für Geige und Violoncello transkribiert, als Motivator. Hier für die nahezu gleichwertige Solo-Cellistin Beata Urbanek-Kalinowska. Aus dem polnischen Krakau, neben London Heimstatt der Kennedys, kommt auch der Oboer Mariusz Pedzialek, solider Solo-Partner beim Doppelkonzert für Violine und Oboe d-Moll von Bach. In einer weiteren Bach-Perle, dem Doppelkonzert für zwei Violinen d-Moll (Largo und Allegro), assistiert Kennedy intensiv gleich zwei hochwertigen Geigerinnen des Orchestra of Life. Eheer Eigenes auf der Elektro-Violine beisteuert, ein Bach nachempfundenes „Air“, das in Jazz-mäßigen Maschinen-Sound übergeht.

Ellington ist Trumpf, dessen immergrüne Titel der Geiger übertragen hat, und bei denen das Nigel Kennedy Quintet für zünftigen Swing sorgt. Das lässt sich gut an und jazzt auch substanziell, wenn Vibraphon, Gitarre, Bassklarinette und Schlagzeug improvisatorisch abheben. Samt Kennedy, der sich regelrecht Scharmützel mit den Jazzern liefert, dessen Soli aber dennoch wie verkappte Kadenzen wirken. Wenig professionell ist dagegen der Sound im Großen Saal. Dass einer für alle – und alle für einen spielen, hat sich bis zum Mischpult noch nicht herumgesprochen.

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