Kommentar: Schnösel Jan Delay zieht über Offenbach her

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Kommentar zu Konzert von Jan Delay in Stadthalle Offenbach

Offenbachs Stadtbild: „Puah!“ Offenbachs Nachtleben: „Iiikx“, Offenbachs Musikgeschmack: „Sind hier überhaupt Offenbacher? Sechs Stück, dacht’ ich mir’s!“ Von Michael Eschenauer

Es folgte „nur für die Offenbacher“ ein primitives Disko-Intro. Jan Delay ließ in der Stadthalle keine Schmähung aus. Ähnlich wie rhetorikschwache Frankfurter Politiker der B-Sortierung ätzte er gegen Offenbach und die Offenbacher, deren Gast er an diesem Abend war. Nur dass es der hochkarätige Deutsch-Rapper im Unterschied zu einfallslosen Rednern, die ein paar Lacher einheimsen wollen, gar nicht nötig hätte, sich auf diese billige Tour beim Publikum anzuschleimen.

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Einen Flash-Gott für alle, bitte

Ein Prinzip des Buddhismus lautet sinngemäß folgendermaßen: Tritt jedem Menschen offen und positiv gegenüber, denn egal wie möglicherweise unverständlich und abstoßend sein Verhalten auch sein mag, er sucht wie alle anderen Lebewesen nur nach Zuneigung. Dieser Lehrsatz des Dalai Lama gilt selbstverständlich auch für Jan Delay Lama.

Also sehen wir es mal so: Jan aus Hamburg wollte punkten bei der aus Wiesbaden, Kronberg und Frankfurt angereisten Fangemeinde aus Nerds und Muttersöhnchen. Er wollte gut Wetter machen bei den Pullunderträgern in ihren Skimützen, die brav am Bierchen nippten und natürlich in viel cooleren Orten in die Mathe-Leistungskurse gehen. Er wollte - ja durchaus! - geliebt werden.

Bild eines kleinen Schnösels bleibt

Schlimmer als die Tatsache, dass Delay sich deswegen als Gast ungezogen aufführte, wiegt allerdings, dass er auf diese Weise eines der Grundprinzipien des Hiphop verraten hat. Der Sprechgesang stammt aus den Ghettos, wurde geboren als Ausdrucksform der Unterprivilegierten, diente der Verbalisierung ihrer Unzufriedenheit, ihrer Verzweiflung und ihrer Wut. Damit steht der HipHop unserem Offenbach ohne Zweifel sehr nahe, vielleicht sogar näher als der reichen, geschniegelten Bankenstadt Frankfurt oder dem hochnäsigen Hamburg.

Jan Delay war Gast in Offenbach: Zurück bleibt das Bild eines kleinen Schnösels mit großen Tränensäcken (jetzt sind wir auch mal gemein), großem Talent und einer großen Sehnsucht nach Liebe.

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