Ein Komponistam Scheideweg

Gemessen an Schostakowitschs 4. Sinfonie, mit der Sir Simon Rattle und die Berliner Philharmoniker zum „Auftakt“ in der Alten Oper Frankfurt gastierten, ist das Klima in der deutschen Hauptstadt rau. Von Klaus Ackermann

So knallhart und scharf, aber auch dramatisch zielstrebig zog der Chefdirigent das einstündige Schlüsselwerk der Moderne durch. Beethovens Zweite voranzustellen, hat Sinn. Zeigt sie doch erstmals das derbfröhliche Temperament des Klassikers, der Schostakowitschs erklärtes Vorbild war.

Beethoven und die Berliner – dieser dauerhaften Liebesgeschichte fügt Rattle ein weiteres Kapitel an. Wer ein schnödes Einspielwerk vermutet, ist auf dem Holzweg, so akribisch erkundet der britische Maestro die Sinfonie, für klaren Blick auf liebenswerte Details, aber auch für klangliches Kompaktformat sorgend. Selten hat man das schöne Larghetto mit dem Ohrwurm-Refrain so melodiös wienerisch erlebt. Und das tänzerische Scherzo, erstmals Satzbezeichnung in einer Sinfonie, weist mit seinen schroffen Forte-Piano-Kontrasten (bei Rattle schon ein Sforzato) bereits auf Schostakowitsch hin, der diese Sätze grotesk anzuspitzen verstand.

Rattles gnadenlose Härte

Der Russe hatte seine 4. Sinfonie erst einmal aus dem Verkehr gezogen, nachdem er von den stalinistischen Machthabern nach der Uraufführung seiner Oper „Lady Macbeth von Mzensk“ 1935 des „dekadenten Modernismus“ geziehen worden war. Erst in den 60er Jahren hat der Komponist die Vierte, deren Manuskript verbrannt war, nach Skizzen rekonstruiert und mit Erfolg aufgeführt. Ihre bei Rattle gnadenlose Härte kann auch als Reaktion auf die Gräuel des Weltkriegs verstanden werden. Daran lassen die Berliner keinen Zweifel, in wahrlich üppiger Besetzung – allein 16 Holzbläser und sieben Schlagwerker – angetreten.

Schon der knöcherne Eingangsmarsch, förmlich durch die Orchestersektionen gepeitscht, drückt einen in den Konzertsessel, seinen Charakter kontinuierlich verändernd – vom stampfenden Rhythmus bis hin zum wie abgehoben wirkenden Fagott-Solo, mittendrin ein in Streicherflirren aufgehendes Duett zwischen Harfe und Bassklarinetten oder ein düsterer Bläserchoral zum markanten Rhythmus zweier Kesselpauker.

Spukhafte Beschleunigung

Keine Episoden, sondern klangliche Ruhepunkte oder spukhafte Beschleuniger einer von Rattle geforderten stringenten Dramaturgie. Durchwirkt von polytonalen Passagen, die sich kontrapunktisch verdichten. Dabei sind Beethovens Satzfolgen auf den Kopf gestellt: Die gnadenlos dynamische Spitzenwerte anpeilende Sinfonie endet mit einem so milden Abgesang, als stehe die Zeit still.

Schostakowitschs 4. Sinfonie in der Schicksals-Tonart c-Moll gehört zu jenen Werken, die man wahrscheinlich selten auf den Plattenteller legt, die aber im Konzert eine ungeheure Zentrifugalkraft entwickeln. Bravos für Rattle und die Berliner, das so perfekt wie lebendig aufspielende Professorenorchester.

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