Jeff Beck im Capitol

Harte Saiten, die auch zärtlich singen

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Jeff Beck bei einem Konzert in New York.

Offenbach - Gitarren-As und Sixties-Legende Jeff Beck zeigte sich im Capitol Offenbach von seiner besten Se(a)ite. Von Thomas Kirstein

Wer die besten Gitarristen der Welt sind? Das sei den nach Listen hungernden Medien überlassen. Offenbach jedenfalls hat am Sonntag einen ewigen Kandidaten für Platz 1 erlebt: Jeff Beck bläst in eindreiviertel Stunden jeglichen Zweifel daran aus den Ohren. Einer aus dem geschätzt zu 80 Prozent männlichen, oft spätmittelalterlichen, Fachpublikum überwindet am Ende ungewohnte Sprachlosigkeit: Sensationell!

Die Legende Beck wird in gut drei Wochen 70 und wirkt doch nie wie ein Rockopa, der sich mit der Reproduktion einstiger Erfolge gefällt. Wo berühmtere Kollegen schon vor Jahrzehnten selbstzufrieden ihre Entwicklung als abgeschlossen erklärten, macht der Brite weiter, hat die Fingerfertigkeit verfeinert und experimentierfreudig sich bietende technischen Möglichkeiten genutzt. Wenn es denn nach Jimi Hendrix noch einen Innovator auf der E-Gitarre gibt, dann den Mann, der 1965 Eric Clapton bei den Yardbirds ersetzte und mit zahllosen Gruppen seines Namens begeisterte, verblüffte, stilistische Risiken einging und bisweilen auch scheiterte.

Nun ist er wieder auf Welttour. Japan. London. Offenbach. Dort wie hier lässt er vom ersten Moment an die Akkorde krachen und seine weiße Fender Stratocaster jubilieren, schluchzen, winseln, fauchen, sich in die Gehörgänge nadeln. Zärtlich, aber hart. Und immer laut.

Soundgewitter auch in ruhigen Momenten

Selbst in ruhigeren Momenten entlädt sich ein Soundgewitter, mit entfacht von einer exzellenten neuen Begleitung aus jungen Musikern. Bassistin Rhonda Smith, einst mit Prince unterwegs, setzt mit dem wirbelnden Drummer Jonathan Joseph ein rhythmisches Mahlwerk in Bewegung. Gitarrist Nicolas Meier unterstützt den Meister nicht nur elektrisch, sondern ist auch für spanische Intros auf dem akustischen Saiteninstrument zuständig.

Zum Glück erspart Jeff Beck zu süßlich geratene Momente seiner jüngsten Scheibe „Emotion and Commotion“ (2010), die böse Menschen an Ricky King oder Fahrstuhlklänge erinnerten. Bei dieser Tour mischt sich Becksche Virtuosität kitschfrei mit wuchtiger Spielfreude. Das Set beginnt mit dem Kracher „Loaded“, aus eigener Feder wie das stampfende „Hammerhead“; Beck huldigt der Rock-Jazz-Fusion früher Jahre mit Versionen von Cobhams „Stratus“ oder „You Know You Know“ des Mahavishnu Orchestra; Hendrix ist vertreten mit einem wenig balladesken „Little Wing“; der Beerdigungs-Heuler „Danny Boy“ und „A Day in the Life“ von den Beatles widerlegen, dass Beck nicht singen könne: Kann er doch, nur braucht er seine Gitarre dazu.

So wirkt Musik auf unsere Körper

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Wie er den harten Stahlsaiten Arien und Attacken entlockt, ist unvergleichlich. Nimmt etwa den Gitarrenhals mit links fest in den Akkordgriff und lässt das Bottleneck mit rechts über die Tonabnehmer gleiten. Lautstärkeregler und Vibratohebel müssen für Jeff Beck erfunden worden sein. Ihm geraten auch schlichte Melodien grandios, wobei die Beherrschung des Instruments nie zur Manie verkommt. Durchs Capitol ziehen keine selbstverliebt-endlosen Soli. Die Stücke mit ihren kalkulierten Improvisationen sind allesamt schön knapp auf den Punkt gebraucht. Da gähnt man keine Sekunde im Publikum. Sondern feiert begeistert den an diesem Abend unbestritten besten Gitarristen der Welt.

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