Konzertabend mit vielen Überraschungen

Offenbach - Justus Frantz ist immer gut für Überraschungen. Beim Gastspiel mit der Philharmonie der Nationen im Offenbacher Capitol hatte das Publikum eigentlich Tschaikowskys Phantasie-Ouvertüre „Romeo und Julia“ erwartet. Von Eva Schumann

Doch der Maestro eröffnete ihm heiter, dass statt deren Wagners „Tannhäuser“-Ouvertüre zu hören sei. Nun ja, ebenfalls eine Ouvertüre, wenn auch weniger tragisch. Frantz nahm das Vorspiel auf sympathische Weise elegant bis sportlich und wusste bei den Marsch-Szenen allzu frommes Pathos zu vermeiden. Die Violoncelli erhoben packend ihre Stimme, und die brillanten Streicher ließen erotische Venusflammen gefährlich züngeln.

Gleichfalls nicht programmgemäß war ein Intermezzo, als der Dirigent die Länge der Schall schluckenden dunklen Bühnen-Vorhänge monierte. Er und sein Konzertmeister irrten auf der Suche nach zuständigen Technikern so lange vergeblich herum, dass aus dem Publikum schon der Rat ertönte, eine Schere zu Hilfe zu nehmen.

Nach Lösung des akustischen Problems durfte die Solistin endlich die Bühne betreten. Aus dem Repertoire seiner „Sommersinfonie“-Tour hatte Frantz statt des im Programm angekündigten Mozart-Klavierkonzerts Nr. 21 dessen G-Dur-Violinkonzert KV 216 ausgewählt. Ksenia Dubrovskaya gefiel mit einer technisch einwandfreien Interpretation voll Anmut, dynamisch fein differenziert, mit sicherer Gestaltung der Klangrede. Beim Rondo brachte sie die kecken Einfälle mit eigenständigem Witz zur Geltung. Frantz sorgte für ein lebendiges, ganz bezauberndes Zwiegespräch von Orchestertutti oder Bläsersoli mit der Solistin. Für den verdienten begeisterten Applaus bedankte sich die Geigerin – auf Wunsch des Leiters der Tonaufnahme sogar zweimal – mit Kreislers Rezitativ und Scherzo Caprice op. 6.

Letzter Programmteil war eine Überraschung

Auch der letzte Programmteil war eine Überraschung. Der Dirigent hatte sich inzwischen entschieden, statt der angekündigten 3. Sinfonie von Tschaikowsky die Vierte von Brahms zu präsentieren, die ihm gut zum Sommerwetter zu passen schien. Dass ein Teil des Publikums ohnehin nur wegen Frantz und nicht aus tieferer Kenntnis des Programms gekommen war, merkte man an hartnäckigen Klatschern zwischen den Sätzen. Frantz überraschte mit einer individuellen Interpretation, die dazu tendierte, Effekte zu betonen. Das international besetzte Orchester reagierte stets präzise, technisch exzellent und ausdrucksvoll, auch wenn das forsche Tempo im Kopfsatz thematischer Deutlichkeit gelegentlich schadete. Die Dynamik war so hoch differenziert, dass das Piano kaum noch zu hören war. Das eher lärmend wirkende Scherzo rief prompt ein „Bravo!“ hervor. Besonders eindrucksvoll war jedoch das dramatisch gestaltete Chaconne-Finale.

Zum Dank für die Beifallsstürme spielten die Gäste den ersten Ungarischen Tanz von Brahms. An Rasanz überboten sie ihn sogar noch mit Dvoraks erstem Slawischen Tanz.

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