Jan Lisiecki und Kristjan Järvi im Rheingau

Konzertante Poltergeister

Wiesbaden - Ein kreativer Unruhegeist, ein Polterer am Klavier und ein Orchester, dessen jugendlicher Elan ansteckend wirkt: Allerhand los beim Konzert der Baltic Sea Youth Philharmonic im Wiesbadener Kurhaus. Von Klaus Ackermann 

Mit ihrem Gründungsdirigenten Kristjan Järvi und dem kanadischen Jungstar Jan Lisiecki spielten sie sich bei Werken von Mussorgsky, Grieg und Richard Strauss in einen tänzerischen Rausch, der für Jubel und Trubel sorgte. Als gelte es die bösen Wettergeister zu bannen, die das hohe Haus wochenlang außer Gefecht gesetzt hatten, so stürmisch kommt die Konzertfantasie „Eine Nacht auf dem kahlen Berge“ von Mussorgsky daher. Ein Hexensabbat der grellen Art, dessen Härten der Einpeitscher und Vortänzer Kristjan Järvi, Jüngster der estnischen Dirigenten-Dynastie, gnadenlos fixiert und rhythmisch auf den Punkt bringt. Mit einem Orchester, das ebenso temperamentvoll kontert.

Auffällig sind hier die vielen jungen Frauen auch an so exponierten Instrumenten wie Bassposaune und Kesselpauken. Bedrohliche Blechbläser-Ballungen und schriller Querflöten-Pfiff treiben diesen Tanz der unseligen Geister voran, der in Mussorgskys Originalversion von 1867 noch kernseifiger wirkt als in der Neuorchestrierung seines russischen Mentors Rimski-Korsakow. Schon die ersten kraftvollen Akkorde geben in Edvard Griegs Klavierkonzert a-Moll demonstrativ die Richtung vor. Große thematische Linie und viel Temperament an Tasten offenbart der polnischstämmige Lisiecki, der seine virtuose Potenz nicht nur in den Kadenzen voll ausspielt, im Adagio kontrastiert von schier elegischem Schöngesang, bei feiner Justierung des Klavierklangs.

Auftakt der Burgfestspiele in Dreieichenhain

Auftakt der Burgfestspiele 2014

Attacca geht’s ins munter tänzerische Allegro mit seinen charakteristischen Anleihen an die norwegische Volksmusik, bei denen der Kanadier noch das Tempo verschärft ohne an konzertanter Fasson zu verlieren. Das hat technisch Delikatesse und eine unmittelbare Wucht, die eine geringfügige klangliche Unwucht im Orchester vergessen macht. Reine Poesie dann die Arietta aus Griegs Lyrischen Stücken als Zugabe – der schlaksige junge Mann am Klavier ist auf bestem Wege. Von wegen Unwucht, in den Walzern und der Orchestersuite aus dem „Rosenkavalier“ von Strauss, jener Oper um Liebesverzicht und komödiantische Verwicklungen, stimmt die Balance beim baltischen Jugendorchester. Viel Dreivierteltakt und ein wenig Opern-Rahmenhandlung: Kristjan Järvi entwickelt hier in immer wieder neuen Anläufen einen sinnlichen Zauber und einen tänzerischen Sog, der mitreißt. Angenehmer Vorgeschmack auf die Neuinszenierung der Komödie für Musik in der kommenden Saison an der Oper Frankfurt, den auch die Zugaben nicht verwässern können, darunter die „Wassermusik“ des Schweizers Daniel Schnyder, der barocke Händel als Crossover – mit afrokubanischen Rhythmen garniert …

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