Konzertante Wagner-Tücken

Frankfurt - Als Richard Wagners Isolde hat sie nicht nur in Bayreuth für Furore gesorgt. Das wirkt auch in der Alten Oper nach, wo Waltraud Meier ihren Star-Status im zweiten Akt des „Tristan“ einmal mehr unterstrich. Von Klaus Ackermann

In einer konzertanten Aufführung mit dem Mahler Chamber Orchestra und Daniel Harding, die klanglich profund das Liebesdrama erkundeten. Gleichwohl überwogen die Fährnisse eines solchen Unternehmens: Um aus dem Stand gesungen zu werden, ist der „Tristan“, von seinem Schöpfer als „Handlung in drei Aufzügen“ bezeichnet, einfach zu bekannt und empfindlich. Die emotionale Glut dieser Liebestragödie schlechthin schien zudem gedämpft, weil die Weltklasse-Sopranistin in dem indisponiert wirkenden Tenor John Mac Master keinen adäquaten Partner hatte. Allenfalls Michelle Breedt und Franz-Josef Selig kamen dem Stimm-Niveau nahe.

Die Spannung zwischen Sehnsucht, Erfüllung und Verzicht ist im süchtig machenden zweiten Akt fast greifbar, wenn die Liebenden zueinander finden und entdeckt werden. Konzertant hat so etwas seine Tücken: Mit einem wilden Aufschrei sollen sich Tristan und Isolde in die Arme stürzen. Allein trennt das Dirigentenpodest hier die Liebenden – und die Tatsache, dass Tristan „vom Blatt“ singt: mit dem Klavierauszug unterm Arm. Da muss man dann schon die Augen schließen, um die schier überirdisch abhebende Stimme Waltraud Meiers bewusst zu erleben; seelenvoll, aber auch mit metallischer Schärfe in der Höhe und das stete Hochgefühl der uneingeschränkt liebenden Isolde in vielen schönen, ergreifenden Tönen verinnerlichend.

Tristan konnte nicht überzeugen

Dagegen wirkt der kanadische Tristan eindimensional, in der langwierigen Wagner-Höhe wird gepresst, in der Mittellage tönt’s nasal und irgendwie verschnupft. Gottlob lässt sich Waltraud Meier davon kaum beeindrucken, der schwebende Zwiegesang „O sink hernieder, Nacht der Liebe“ wird dann doch zum nachdrücklichen Höhepunkt. Ideal eingebettet in einen farbkräftigen Orchesterklang, der sich in ganz feinen Partikeln verliert.

Sein Gespür für behutsame klangliche Entwicklungen hat Daniel Harding mit dem Mahler Chamber Orchestra schon im Vorspiel um den sehnsuchtsvollen Tristan-Akkord bezeugt, konzertant auf gleicher Ebene mit den Sängerprotagonisten und auf feinste Dynamisierung und motivische Klarheit bedacht. Die Hornquarten der nächtlichen Jagd tönen aus dem Off, und dramatisches Hochgefühl hat einen stabilen klanglichen Unterbau, der nur selten die Helden übertönt.

Schon gar nicht die mahnenden Worte von Isoldes Amme Brangäne, der Michelle Breedt Profil gibt – mit einem charaktervollen Mezzosopran, der Waltraud Meier Paroli bietet. Stimmlich stark zudem Bassist Franz-Josef Selig, von doppelter Untreue betroffen und Selbstzweifeln gequält. In knapper Doppelrolle als Merlot und Kurwenal ist Michael Vier mehr als nur baritonaler Stichwortgeber. Auch konzertant versucht Waltraud Meier, sich mimisch und gestisch zu motivieren. Doch was nutzt das schon bei einem Tristan, der lieber in die Noten schaut …

Rubriklistenbild: © dpa

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