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Kopfarbeit mit Empfindsamkeit fein kombiniert

Martin Stadtfeld spielt Bach am Klavier: „Zum Nutzen und Gebrauch der Lehrbegierigen Musicalischen Jugend“ hatte Johann Sebastian Bach sein in zwei Bänden aufgelegtes „Wohltemperiertes Klavier“ komponiert.

Was bei Generationen potenzieller Tastenquäler zum Pflichtprogramm gehörte, ist für einen jungen Senkrechtstarter die pure Kür. Martin Stadtfeld, mit den 24 Präludien und Fugen des Ersten Bandes in der ausverkauften Alten Oper Frankfurt, spulte das barocke Lehrprogramm nicht einfach ab, sondern spürte dem Charakter der Etüden intensiv nach, was überraschende Ergebnisse brachte. Da erstaunten die pianistischen Fertigkeiten wie der Klangsinn eines jungen Mannes, der 2002 den Internationalen Bach-Wettbewerb in Leipzig gewonnen hatte.

Allein die Gedächtnisleistung angesichts der 48 Stücke in komplexer Form ist phänomenal. Doch neben der Kopfarbeit bestimmt ein hochästhetisches Empfinden Stadtfelds Spiel, mit dem sich der Koblenzer von vielen, nahezu animalisch Rhythmik und Motorik verschärfenden Interpreten unterscheidet. Schließlich entstammt er der legendären russischen Pianisten-Schmiede des auch in Offenbach (Dr.-Andor-Schmidt-Stiftung) wohlgelittenen Frankfurter Musikhochschul-Professors Lev Natochenny.

Dem Wagner-Dirigenten und -Zeitgenossen Hans von Bülow ist das Schlagwort vom „Alten Testament der Klavierspieler“ zugeordnet. Stadtfeld hat es zumindest in einer neuen Übersetzung vorgelegt. Und nutzt dabei die klanglichen Tugenden des großen Konzertflügels, von dessen wohltemperierter Stimmung Bach nur träumen konnte, wie er stilistisch keine Scheuklappen kennt.

Schon das C-Dur-Präludium der in allen Tonarten verfassten Werke hat eine mild romantisierende Note, also nicht allein den Moll-Stücken vorbehalten, die auch mal tänzerisch ausschwingen oder im sangbaren Balladenton daherkommen. Da wird das D-Dur-Präludium, im Affenzahn absolviert, zum virtuosen Fanal. Solch filigrane nie grob die Klavierhämmer schwingende Technik mündet etwa im B-Dur-Opus in Kadenz-ähnliche Passagen, als gelte es, besonders festlich auf die Fuge einzustimmen. Cembaloklang hat das Auditorium auf einmal im Ohr, wie bei manch anderer Fuge, die keineswegs streng vom Stimmenverlauf abhängt, zwar mal fest gefügt, aber auch wie nachdenklich klanglich entrückt.

Schnell, viel zu schnell ist dieser Bach-Abend vergangen. Dank des Klangsinns eines barocken Charakterdarstellers, der immer hochkonzentriert wirkt – und daher keine Zeit für extrovertierte Posen hat. Dass Stadtfeld mit der gefürchteten Prokofjew-Toccata einen weiteren Klavierhammer herausholt, bringt die Zuhörer endgültig aus dem Häuschen.

Der Mann hat’s geschafft. Dass er abhebt, muss man nicht befürchten. Dazu ist Martin Stadtfeld zu intelligent – auch eine Erkenntnis seines Bach-Spiels.

(Klaus Ackermann)

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