Von Krankheit gezeichnet absolvierte Al Jarreau seinen Auftritt im Amphitheater Hanau

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Wieder auf der Bühne: Stimmakrobat Al Jarreau lag noch vor wenigen Tagen auf der Intensivstation, beim Auftritt in Hanau war dies dem US-Sänger noch anzumerken.

Ein Mann wie ein ganzes Orchester, ob Bass, Schlagzeug oder Saxofon: Stimmwunder und Scat-Akrobat Al Jarreau, nimmt nach Klinikaufenthalt seine Welttournee im idyllisch gelegenen Hanauer Amphitheater wieder auf. Von Ferdinand Rathke

Al Jarreau wurde erst vor rund rund zwei Wochen kurz vor einem Auftritt beim Jazz-Festival im französischen Städtchen Barcelonnette mit ernsten gesundheitlichen Problemen in die Klinik eingeliefert, lag anschließend auf der Intensivstation und vollzog gar einen Spitalwechsel zum Kardiologen-Spezialisten nach Marseille.

Was die Stimme anbelangt, zeigt sich der 70 Jahre alte Vokalist und Komponist an diesem Abend in gänzlich alter Frische, wenn er knapp zwei Stunden lang beim Freiluft-Spektakel aus tiefster Seele intensiv sämtliche Register zieht und Songs vor allem aus der Frühzeit seiner Karriere präsentiert.

Noch wackelig auf den Beinen

Merklich angeschlagen wirkt Al Jarreau nach dem Krankenhausaufenthalt noch immer. Auch wenn er in knappem Satz, nachdem das Publikum kulant zum Auftakt extra lang applaudiert hat, stoisch behauptet: „Mir geht’s ganz gut!“. Auf den Beinen halten kann sich der siebenfache Grammy-Gewinner freilich nicht lang. Beim Singen hält er sich am Mikrofonständer, am bereit gestellten Hocker oder am Keyboard fest. Ungebrochen hingegen der disziplinierte Durchhaltewillen des Ausnahmetalents, der nach wie vor die leider mehr und mehr aus der Mode gekommene Maxime „The show must go on“ praktiziert. Gleich mit dem ersten Stück „Save Me“ überzeugt Jarreau durch atemberaubende Fähigkeiten der Stimmbänder.

In Schwarz gekleidet zu Scherzen aufgelegt

Luftig-leicht schluchzt, wimmert, knirscht, zischt und flüstert sich der ehemalige Sozialarbeiter durch weitere Klassiker: „Look To The Rainbow“, „You Don't See Me“ und „Sweet Potato Pie“ stammen noch aus der Zeit, als Al Jarreau ausschließlich von einem elitären Nischenpublikum bejubelt wurde. Aber der ganz in Schwarz gekleidete Musikus, der von seinem Quintett begleitet wird, ist schon wieder zu handfesten Scherzen aufgelegt. Dass Jarreau Herzen nicht nur wegen seiner unnachahmlichen Stimme berührt, wird spätestens klar, als eine forsche junge Dame mit scheuem Ehegatten im Schlepptau spontan Blumenstrauß samt Brief mit Genesungswünschen überreicht.

Songs berühmter Kollegen in eigener Interpretation

Traumhaft gleitet Al Jarreau auch durch diverse Songs berühmter Kollegen, die er wie Joe Cocker zu seinen eigenen zu machen versteht: „She's Leaving Home“ von den Beatles, James Taylors „Fire And Rain“ und selbst „Take Five“ vom Dave Brubeck Quintet klingen, als hätte Jarreau sie sich ausgedacht. Nicht fehlen darf „Summertime“ aus der Oper „Porgy & Bess“ zum Finale unter minutenlangen Ovationen und in einer derart verfremdeten Version, dass selbst George Gershwin wohl Schwierigkeiten gehabt hätte, sein Werk wiederzuerkennen. Bleibt zu hoffen, dass ein rares Genie wie Al Jarreau der Welt noch lange erhalten bleibt.

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