Kreise schließen sich

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Dieter Nentwig brachte den Jazz in die Region, Sohn Daniel bedient die Keyboards bei The Whitest Boy Alive.

Frankfurt - „Seit 40 Jahren im Dienste guter Musik“, wirbt Dieter Nentwig für seine Musikagentur. Und obwohl der gebürtige Frankfurter nur ein Zehntel dieser Zeitspanne in Offenbach verbrachte, waren das wichtige Jahre. Von Detlef Kinsler

Von einer Dreizimmer-Wohnung mit Blick auf den Main sollte die nationale Jazzszene erobert werden. Nentwig organisierte Mitte der Siebziger Jahre nicht nur Matinees im Schlachthof Frankfurt, Konzerte im Volksbildungsheim, im Treffpunkt Neu-Isenburg oder der Burg Dreieichenhain, er bespielte auch das Theater an der Goethestraße.

Die lokalen Rivalitäten zwischen Frankfurt und Offenbach waren auch im Jazz zu spüren. „In Frankfurt waren die Modernisten, Offenbach galt als die Hochburg der Traditionalisten“, erzählt Klaus Ackermann, Jazzer und langjähriger Kulturchef unserer Zeitung. Im heutigen Capitol traten unter anderem Benny Waters, Trevor Richards, Wild Geese und die European Dixieland All Stars unter Nentwigs Ägide auf. „Die Mainstraße war damals der wilde Osten“, erinnert sich Nentwig schmunzelnd an Offenbacher Tage. „Der Nachbar schoss mit dem Luftgewehr auf den Feuermelder gegenüber und freute sich, wenn fünf Minuten später ein Löschzug angerast kam. Die Mieter oben drüber tröpfelten Salzwasser auf unsere Fensterbank, weil dort Petersilie angebaut wurde. Die Musiker aus aller Welt, die uns besuchten, haben davon zum Glück nichts mitgekriegt.“

„Da kommt eine Bank- oder Bäckerlehre nicht in Frage“

1976, das Büro war längst zu klein geworden, folgte der Umzug nach Maintal-Bischofsheim. Dort wurde Sohn Daniel geboren. Seit 1985 leben die Nentwigs in Erlensee. Auf dem Hof zwischen Wohnhaus und Büro in der Scheune, genoss der Junior seine musikalische Früherziehung, ging mit den Eltern auf Jazz-Kreuzfahrten. „Eine Woche lang mit 100 Musikern auf dem Mittelmeer, nur Musik, nur Spaß, alle lustig und Party bis zum Abwinken – da willst du Musiker werden“, erzählt der Vater. „Wenn man das vorgelebt bekommt, gerade von den Eltern, da kommt eine Bank- oder Bäckerlehre nicht in Frage.“, bestätigt Daniel Nentwig diese „Vorbestimmung“.

Daniel studierte Soziologie und Musikpädagogik, dann sogar Politik. Aber die Musik übte einen größeren Reiz aus. Doch vor den Stilrichtungen, die er durch seinen Vater kennen gelernt hatte, flüchtete er erst einmal bis ins ferne Berlin. Seitdem Daniel mit elf Jahren für den erkrankten Champion Jack Dupree in der Hugenottenhalle am Klavier den Saal zum Rasen brachte, hoffte Dieter Nentwig, dass sein Spross dem Jazz treu bleiben würde. „Ich habe aber schnell gesehen, ich bin nicht auf dem Niveau, um als Pianist Jazz zu spielen und sollte besser etwas anderes machen, um damit glücklich zu werden“, so Daniel.

„Das ist cool, das ist melodiös“

Nach einer längeren Durststrecke in Berlin, Experimenten mit Computern und Samples, begegnete er Erland Øye. Mit seinen Kings of Convenience war der Musiker als Norwegens späte Antwort auf Simon & Garfunkel erfolgreich, suchte aber die Herausforderung eines Electronic-Dance-Projektes: The Whitest Boy Alive – mit Daniel Nentwig an den Keyboards.

Und der Vater, seit 41 Jahren mit der Barrelhouse Jazzband „liiert“, horchte auf. Zumal die Boys sich laut Daniel Nentwig bald auf den Grundsatz einigten: „Es gibt ein Schlagzeug, einen Bass, eine Gitarre, ein Fender-Rhodes-Piano und einen analogen Crumar-Synthesizer – keinen Schnickschnack. Das ist die Parallele zu einer Jazzband, die sich einfach hinstellt mit ihren Instrumenten!“ Vater Nentwig sieht es so: „Die Musik hat teilweise einen ich will nicht sagen swingenden, aber einen lockeren, federnden Beat. Das ist cool, das ist melodiös und du hörst, dass die Jungs Ahnung haben von Blue Notes, Off Beats und solchen Sachen.“ Auf Umwegen fanden so die unterschiedlichen musikalischen Welten der Nentwigs zusammen.

Morgen treten The Whitest Boy Alive beim „Lüften“-Festival in der Frankfurter Jahrhunderthalle auf. Genau da ging „A Night in New Orleans“ 1976 über die Bühne, Dieter Nentwigs erstes großes Event. So schließen sich die Kreise.

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