Kremers Kostbarkeiten

Frankfurt - So locker hat man den Weltklassegeiger Gidon Kremer selten erlebt wie beim Benefizkonzert für seine Stiftung. Von Klaus Ackermann

Die kümmert sich von Kronberg aus intensiv um den Streichernachwuchs und initiiert Konzerte auch in Regionen dieser Welt, die kaum mit klassischer Musik in Berührung kommen. Kostbarer Serenadenton war in der Alten Oper Trumpf, hochkonzentriert von der Kremerata Baltica angestimmt, deren Feinschliff beeindruckte, wie sie mit gut platzierten Pointen in Schmunzel-Laune versetzte.

Auch wenn es um kleine oder große Nachtmusiken geht, nur Bestseller sind von Kremer nicht zu erwarten, der sein 1997 gegründetes Orchester auch solistisch beflügelt und neben Evergreens von Mozart und Tschaikowsky sogar eine Bernstein-Serenade reanimierte, die auf Platons „Symposium“ fußt.

Schon Mozarts Serenata Notturna D-Dur mit den Solisten Eva Bindere und Gidon Kremer (Violinen), Daniil Grishin (Viola) und Danielis Rubinas (Kontrabass) besitzt jede Menge Spielwitz, ohne die süffigen Kantilenen, die klanglich fein polierten und mit Verve ausgespielten Figurationen zu vernachlässigen. Kesselpauken-Grummeln am Ende der Sätze, das sich final zum regelrechten Schlagzeug-Solo auswächst, bringt Schabernack, dem Mozart nie abhold war und den Kremer und Co. noch forcieren. Mit schrillen Übergängen und einem Kontrabass-Solo: „O Tannenbaum“ tönt’s in Doppelgriffen.

Eine Sommernachtsmusik, die auch im Winter erwärmt, ist Tschaikowskys Serenade C-Dur, deren emotionalen Gehalt der junge Dirigent Ainärs Rubikis in feinster Dynamisierung auslotet. Da geht der Vorhang auf für zartgliedrige Gestalten, ein im Ohr haftender typischer Tschaikowsky-Valse macht Lust auf Ballett, ehe nach empfindsamen Arioso – an der Tonleiter entlang – Variationen auf ein russisches Tanz-Thema die Kremerata zu Bravour-Form auflaufen lässt.

Wenn Musik bewegte Zeit ist, dann steht sie in der Abschiedsserenade für Streichorchester des Russen Valentin Silvestrov (geb. 1937) vor dem Stillstand. Dass Rubikis die Spannung noch im Pianissimo hält, fordert Respekt - weniger schon die nach meditativen Momenten etwas süßlich wirkende Melodie. Erst nach Gedenksekunden prasselt Beifall.

Den Disput hehrer altgriechischer Geister über die Liebe in Platons „Symposium“ hat Leonard Bernstein 1954 zu einem Hohelied auf selbige inspiriert. Liebe als Hochgefühl, als galante Koketterie, als Tragödie – dem gelehrten Disput widerspricht Bernstein mit vitaler, oft tänzerischer, immer einfallsreicher moderner Musik. Das dieses Werk so selten zu hören ist, liegt auch am diffizilen Solopart, gefundenes Fressen für den noch im virtuosen Dickicht zwingend artikulierenden Geiger Kremer.

Dass am Ende der Jazz mit heißen afro-kubanischen Rhythmen ins Streitgespräch einbricht, unterstreicht einmal mehr Bernsteins große Liebe. Kremer ist dieser Spezies nicht abgeneigt, wie die zweite Zugabe (nach der Aria Italiana aus Brittens Variationen über ein Thema von Frank Bridge) zeigt. Glenn Millers „Moonlight Serenade“ hat noch gefehlt im Nachtmusik-Reigen. Mit Kremer als Jazzgeiger.

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