Valery Gergiev  in der Alten Oper

Als Künstler ohne Makel

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Dirigent Gergiev beim Auftritt in Frankfurt

Frankfurt - Draußen, auf dem Platz vor Frankfurts Alter Oper: normales Frühlingstreiben, von „Luminale“-Lichtern an den Hochhäusern begleitet. Von Axel Zibulski 

Keine Proteste sind zu hören, keine Aktivisten für Frieden oder freie sexuelle Orientierung zu sehen, nicht dort, nicht drinnen im Großen Saal, wo Wladimir-Putin-Freund Valery Gergiev das London Symphony Orchestra dirigiert. Einen Solidaritätsbrief für Putin hat der 60-jährige Gergiev nach der Besetzung der Krim unterzeichnet. Sogar in London, wo er kurz zuvor aufgetreten war, provozierte das alles nicht den Widerspruch eines Publikums, das doch ansonsten gern künstlerische und andere Freiheiten genießt. Oder fiel der Begrüßungsapplaus für Gergiev nicht ein wenig kühl aus? Der Beifall für das erste Orchesterstück besonders knapp? Das freilich könnte auch daran gelegen haben, dass Olivier Messiaens zwölfminütige symphonische Meditationen „Les offrandes oubliées“ von 1930 nicht gerade gängige klassische Tournee-Kost bedeuten.

Gergiev, der Dirigent, leistete künstlerisch bereits hier Großartiges, formte die knappe katholische Satz-Trias zwischen „Kreuz“ und „Eucharistie“ selbst im Langsamen drängend, gestochen klar und, wo nötig, so eruptiv, wie sich der 18-jährige Messiaen im Mittelteil dieser „vergessenen Opfergaben“ eben die „Sünde“ vorstellte. Die Plastizität, die intensiv leuchtenden Farben dieser Musik beglaubigten bereits die hohe musikalische Kompetenz Gergievs, der seine Kritiker damit zu einer Differenzierung herausfordert, die vielleicht nicht alle seiner Anhänger leisten.

Großer Applaus für Dirigent Gergiev

In der Münchner Öffentlichkeit immerhin wird die für 2016 geplante Berufung Gergievs zum Chef der dortigen Philharmoniker mittlerweile in Frage gestellt. Und in der Alten Oper galt der ganz große Applaus zunächst einem anderen, dem 1991 geborenen Pianisten Daniil Trifonov, der mit dem London Symphony Orchestra Frédéric Chopins Konzert für Klavier und Orchester Nr. 2 f-Moll op. 21 aufführte. Angespannt wach, bei allem Melos drängend, dabei ernst und zwingend statt verzärtelt und verklärt spielte er fern aller Chopin-Klischees. Die hatte Gergievs zu breit und sämig genommene Orchester-Eröffnung zunächst nämlich noch erwarten lassen. Auch das freilich ist eine Facette Gergievs: Die jungen Künstler, die er fördert, enttäuschen in aller Regel keine Erwartungen, und Daniil Trifonov fesselte dazu mit seinen Zugaben, einem selbst komponierten Scherzo sowie einem Chopin-Walzer.

Großen Applaus gab es in Frankfurt am Ende doch auch für Gergiev selbst, für seine Deutung der 1904 vollendeten Sinfonie Nr. 3 c-Moll op. 43 („Le divin poème“) von Alexander Skrjabin, in ihrem üppigen Klangstrom vom exzellenten London Symphony Orchestra mehr fluoreszierend als ausschweifend gespielt, von Gergiev in den drei pausenlos aufeinander folgenden Sätzen soghaft disponiert. Selbst im furios gesteigerten Finale blieb das alles so fern wie möglich von bloß plakativer Klangmalerei: Ja, eine große Leistung eines zu Recht umstrittenen Künstlers.

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