Kultiviertes Geschrei

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Chester Bennington und seine Mannen fanden den größten Anklang beim Publikum mit ihren Klassikern.

„Wer schreit, hat Unrecht“, weiß der Volksmund. Lange galt das lautstarke Austragen von Konflikten abseits vom Kasernenhof als asozial. Die moderne Psychologie kontert mit mittlerweile belegter These: Von Ferdinand Rathke

Wer lauthals schreit, ist vor allem wütend auf irgendetwas. Es dient der Konfliktlösung, Wut und Aggression ernst zu nehmen und sich damit auseinanderzusetzen. Gewöhnlich misst sich das Talent eines Sängers an der Fähigkeit, stimmliche Kompetenz mit extrovertierter Präsenz zu vereinen. Bei Chester Bennington liegt der Fall seltsam anders.

Weniger durch akkuraten Gesang als durch heftige Schreie überzeugt der 34 Jahre alte Kalifornier, den dennoch eine Aura kontrollierter Zurückhaltung umgibt. 12 500 Zuschauer in der ausverkauften Frankfurter Festhalle sind Zeuge, wenn er im Gespann mit Rhythmusgitarrist, Keyboarder und Rapper Mike Shinoda seinen schmalen, von Tattoos übersäten Körper malträtiert, um das androgyne Stimmtimbre über Gebühr zu strapazieren.

Repertoire aus vier Platinalben

Dank der Schreiattacken verkaufte die Band Linkin’ Park in zehn Jahren mehr als 55 Millionen Tonträger weltweit. Erfolg in diesen Dimensionen erzeugt Neider, in diesem Fall auch gezielt geäußerte Kritik am Verlust der Authentizität durch massenkompatibles Konzept. Vereint das 1996 in Los Angeles gegründete Sextett in seinem clever aufbereiteten Stilgemisch aus wüstem Nu Metal, rüdem HipHop und geschmeidigem Electro-Pop doch mehrere kaufkräftige Zielgruppen. „Linkin’ Park unite Generations“ steht auf manchem T-Shirt. Eine Entwicklung, die verblüfft. Wo bleibt da die natürliche Abgrenzung von der einen zur anderen Generation?

Dramaturgisch unterhaltsam servieren Linkin’ Park ihr Repertoire aus vier Platinalben mit den obligatorischen Filmspielereien auf gigantischer Projektionsfläche – obwohl die mit Zitaten berühmter Persönlichkeiten wie Martin Luther King und Robert Oppenheimer gespickten Schnipsel ausschließlich in Schwarz-Weiß gehalten sind. Schließlich behandelt die aktuelle CD „A Thousand Suns“ die Gefahr atomarer Vernichtung. In thematische Blöcke unterteilt, lässt sich gar eine Dramaturgie erkennen. „The Requiem“ dient im vollelektronischen Arrangement als idealer Einstieg, um die neue Ausrichtung den Fans überwiegend jugendlichen Alters schmackhaft zu machen.

Doch das Publikum reagiert, wie es der Volksmund formuliert: „Was der Bauer nicht kennt, das frisst er nicht.“ Anklang finden vor allem die mit viel Gitarrenfeuerwerk inszenierten Klassiker wie „One Step Closer“, „In The End“, „Papercut“ und „Numb“, eine Kreuzung aus Elementen des Metal, Techno und Rap mit Phonwerten jenseits des Erträglichen. Vergleichsweise zivilisiert spielen Linkin’ Park im Mittelteil ihre harmonischen Trümpfe balladesk bis hymnisch aus.

Eine in Progression befindliche Formation, die dem kultivierten Lärm früherer Tage abzuschwören versucht. Aber auch eine, die in den Sog kommerzieller Verlockungen geraten zu sein scheint...

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