Mit großem Orchester gen goldenen Westen

Beim Lichterfest in Offenbach ist musikalisch Amerika das gelobte Land.  Von Klaus Ackermann

Dass Dirigent Jens Troester in einem Ami-Schlitten mit Sheriff am Steuer an den Tatort chauffiert wurde, sollte mehr als ein Gag sein. Denn Amerika war beim Lichterfest musikalisch das gelobte Land. Und mit „Stars and Stripes – America’s Most Wanted“ zündete die längst in Offenbach eingeplackte Neue Philharmonie Frankfurt ein Feuerwerk aus Klassik, Rock und Jazz, das die Zuhörer am Ende in jubelnde Zappelwesen verwandelte. Animiert auch von den mit vielen Wassern gewaschenen Gesangssolisten, den unspektakulär links außen singenden „Spessart Spectacular Voices“ und dem wiederum kundig durchs Programm geleitenden Dr. Ralph Philipp Ziegler , Offenbacher Kulturboss.

Ein Glücksfall, dass sich die Neuen Philharmoniker, in punkto Vielseitigkeit eines der besten deutschen Orchester, Offenbach als Zentrale auserkoren haben. Allesamt junge Musiker mit Crossover-Qualitäten, wie das auf Neudeutsch heißt, wenn der Kesselpauker auch mal an die Rock-Gitarre wechselt oder die klassische Streicherformation einen Hillbilly abzieht. Und allemal gestählt für die Imponderabilien eines elektronisch verstärkten Openair. Das beginnt mit pompösem Bläserklang vor dem ehrwürdigen Gemäuer des Büsing-Palais: Aaron Coplands „Fanfare for the Common Man“ leitet über zu einer Serie US-Pop- und Rock-Klassiker, an diesem stimmungsvollen Abend ein Kontrastprogramm, das elektrisiert, allenfalls für Klassik-Hörige gewöhnungsbedürftig, die freilich ebenfalls von Könnern bedient werden.

Barbra Streistands „Women in Love“

Springsteens „Born In The USA“, die Woodstock-Hymne „Bridge Over Troubled Water”, Bob Dylans „Knockin’ On Heaven’s Door” sind maßgeschneidert für die Reibeisenstimme von Achim Dürr, den mit weit ausholendem Balladenton glänzenden Franco Léon und für den ausdrucksvollen, dunkel timbrierten Mezzosopran der Katrin Glenz, die sich zudem als Barbra Streisands „Women In Love“ profiliert. Nach den sinfonisch aufgezogenen, schaurigen „Geisterreitern“ dann Hillbilly mit italienischem Akzent: Western-Filmkomponist Ennio Morricone wartet nicht nur mit schneidendem Bluesharp-Klang auf – hier eine originelle Mixtur von Klarinette, Flöte und Trompete – , sondern mit in die Ohren gehenden Melodien. Schließlich kommt der Tscheche Antonin Dvorak mit dem Schluss-Satz seiner Neunten Sinfonie „Aus der Neuen Welt“ zu feurigem Ton. Kontraste, die Moderator Ziegler locker verbindet, der noch dazu amerikanische Geschichte und Geschichten zu erzählen weiß.

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Mit jener kultivierten Ausführlichkeit, die mancher als himmlische Längen empfinden mag, die hier aber auch Umbaupausen geschickt überbrücken. Nach Bernsteins virtuos zündender „Candide“-Ouvertüre ein „Klassik“-Höhepunkt, George Gershwins „Rhapsody In Blue“, typisch amerikanischer Jazz in konzertanter Anlage. Ein Fest für den schottischen Tastenmeister Gavin Brady, Dozent an Frankfurts Musikhochschule, der mit mächtigen Pranken rhythmisch Vollgas gibt und die virtuosen Passagen ebenso meistert wie das wohl dosierte Akkord-Pfefferminz.

Stets beschwipster Dean Martin

Bei intensivem Klarinetten-Glissando und Streicher-Schmelz einer Philharmonie in klanglicher Idealform. Amerika in Tönen, da dürfen Frank Sinatra, Sammy Davis Jun. und Dean Martin nicht fehlen, als Rat-Pack legendär. Schön angejazzt vom großen Orchester, dessen Arrangeure Bestnoten verdienen, erklingen ihre Bestseller der Swing-Ära, dazu mit komödiantischer Note serviert: Als stets beschwipster Dean Martin schnappt sich Achim Dürr eine junge Dame zum Tanz. Nach dem Motto: Halb zog er sie – doch sie sank nicht hin … Schließlich noch ein zünftiger Rock-Block zum Mithüpfen und ein „Purple Rain“, das die Leuchtstäbe im großen Publikumsrund eindrucksvoll blinken lässt, ehe sich die Neue Philharmonie mit dem Titel gebenden Stars-&-Stripes-Marsch mächtig ins Zeug legt. Deren versierter Gastdirigent Jens Troester hatte es vor allem zwei quirligen Teenies in der ersten Reihe angetan. „Der fängt ja Fliegen“, tönte es unverblümt aus Kindermund.

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