Kunst wirkt lange nach

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An das Massaker in der Schlucht von Babi Jar erinnert Dmitri Schostakowitsch in seiner 13. Sinfonie b-Moll op. 113, eher eine ausgedehnte, fünfsätzige Kantate mit Bass-Solo, Männerchor und Orchester.

Frankfurt - Im September 1941 ermordete die SS in der Nähe von Kiew ungefähr 34.000 Juden. An dieses Massaker in der Schlucht von Babi Jar erinnert Dmitri Schostakowitsch in seiner 13. Sinfonie b-Moll op. 113, eher eine ausgedehnte, fünfsätzige Kantate mit Bass-Solo, Männerchor und Orchester. Von Axel Zibulski

„Es gibt kein besseres Langzeitgedächtnis als das der Kunst“ sagte Enoch zu Guttenberg vor der Aufführung der Sinfonie in Frankfurts Alter Oper. Der Dirigent hatte Schostakowitschs dezidiert politischer Sinfonie die „Kreuzstab-Kantate“ von Johann Sebastian Bach vorangestellt. Bei der Moskauer Uraufführung im Jahr 1962 musste das russische Publikum den subversiven Gegenwartsbezug gerade zum auch in Sowjetrussland latent vorhandenen Antisemitismus erkennen. Zumal Schostakowitsch neben dem „Babi-Jar“-Gedicht von Jewgenij Jewtuschenko auch in den vier folgenden Sinfoniesätzen Texte des 1933 geborenen Gegenwartsdichters vertont hat.

Guttenbergs Interpretation mit den Männerstimmen der von ihm 1967 gegründeten Chorgemeinschaft Neubeuern sowie dem Orchester der KlangVerwaltung München war angelegt als schmerzvoll und überdeutlich ausgeformte tönende Exegese des Gedichts im ersten Satz, auch weil die Choristen den Text in deutscher Übersetzung gestochen scharf in den Raum stellten. Zuvor hatte ihn Enoch zu Guttenberg in der noch einmal beklemmenderen Übertragung Paul Celans rezitiert.

Seismograf des Totalitären

Späteres in dieser Sinfonie mag flach pathetisch wirken, das Lob der russischen Frauen etwa, die ihr Land „betonieren“ und „bepflanzen“, packend hingegen das Chorgeflüster des vierten Satzes: „Die Ängste in Russland sind tot“ heißt es da, und doch sprechen aus dem Orchester beklemmende Furcht und lähmender Schrecken – in diesem eigens für die Sinfonie geschriebenen Textabschnitt hat Jewtuschenko die Angst vor Denunziantentum als Symptome aus nur vorgeblich ferner Vergangenheit benannt; natürlich ist die Sinfonie nicht nur „Langzeitgedächtnis“, sondern kann als Seismograf des Totalitären gar nicht unaktuell werden.

In Schostakowitschs Sinfonie hatte der junge Bass Yorck Felix Speer den vokalen Solo-Part mit spürbarer innerer Beteiligung deklamiert, in Bachs pausenlos vorangestellter Kantate „Ich will den Kreuzstab gerne tragen“ BWV 56 war es sein Kollege Klaus Mertens, der mit der Nüchternheit, aber auch der geschmeidigen Eleganz eines Chronisten gestaltete, darin nicht zuletzt einen leichten Kontrast zu Guttenbergs Vorliebe für ein überdeutliches Herausarbeiten musikalischer Affekte setzend.

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