Kunstvoller Bruch mit der Romantik

Frankreich verfügt über eine reiche Tradition des Kunstlieds. Komponisten wie Berlioz, Delibes, Gounod und Franck schufen bedeutende Beiträge. Den Weg des Bruchs mit der romantischen Tradition zeichnete der französische Liederabend mit der Sopranistin Carola Schlüter und dem Pianisten Olaf Joksch bei der jüngsten Abendmusik in der Französisch-Reformierten Kirche in Offenbach nach. Von Stefan Michalzik

Merkmale des musikalischen Impressionismus hatte bereits der Franck-Schüler Henri Duparc (1848-1933) vorweggenommen, der unter anderem „Les fleurs du mal“ vertonte. Der 1874 in Caracas geborene Reynaldo Hahn zählt zu den unterschätzten Komponisten einer frühen Moderne mit Tendenz zur Auflösung des tonalen Systems. Francis Poulenc, Mitglied der dezidiert antiromantisch eingestellten Groupe des Six, verstand sich fabelhaft auf das Tarieren von Leichtigkeit und Tiefe. Seine auf das Jahr 1836 zurückgehenden „Po èmes de Ronsard“ lassen Nähe zum Kaffeehaus erkennen. Olivier Messiaen, Kirchenvater der Avantgarde, hat seine – leider nur mit dreien der sechs Lieder gebrachten – „Chants de Terre et de Ciel“ als großartiges Zeugnis christlich motivierter Allegorik angelegt.

Es handelte sich um eine frühe Abendstunde der Klangfarbenspiele, der Nuancen und der gestalterischen Subtilität. Carola Schlüter findet für jeden der vier Komponisten zu einem eigenen Ansatz, vom mit Esprit aufgeladenen schlanken Ton bei Poulenc bis zu Momenten äußerster Expression in den Liedern von Hahn. Besondere Stärken entwickelt Schlüter auch in der Zurücknahme, die ein Teil des dramatischen Spielraums von kaum zu überschätzender Wichtigkeit ist. Vokale Eloquenz von atemberaubender Intensität trifft in idealer Weise auf kluges Strukturdenken.

Dem stets in einlässlicher Weise präsenten Olaf Joksch kommt eine weit über die bloße Begleitung hinausweisende Rolle als sich auf Augenhöhe bewegender Partner zu. Nicht zuletzt belegt dieses Konzert, dass mit klug zusammengestellten Programmen aus Werken, die ein unberechtigtes Schattendasein führen, eine wohlgefüllte Kirche zu einer Woge der Begeisterung hingerissen werden kann.

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