Kunstvoller Spagat

Frankfurt - Jazz mit einem Groove: Seit den achtziger Jahren hat sich der New Jazz nicht ernstlich erneuert. Mehr als eine Wiederholung haben die Bemühungen um neue Frische nur selten hervorgebracht. Von Sebastian Hansen

Da ist die vorwiegend Bariton, daneben auch Alt und Tenor spielende französische Saxofonistin Céline Bonacina von einem ganz anderen Kaliber. Auch ihre Musik ist vom Groove geprägt. In der Zugabe des Konzerts in der Frankfurter Reihe Jazz im Palmengarten wartet sie gar mit einer luftig verspielten Funk-Nummer samt populistischem Mitklatsch- und -singritual auf.

Doch sie kann mehr. Die 1975 geborene Musikerin, die mit dem Erscheinen ihres aktuellen Albums „Way of Life“ und einem Auftritt beim Berliner Jazzfest nach Wanderjahren unter anderem in der Band des Posaunisten Nils Landgren erstmals international unter eigener Flagge segelte, tritt mit einem Trio in Erscheinung. Sie spielt darin ganz klassisch die Rolle der herausgehobenen Solistin, ihre improvisatorischen Linien zielen aber auf den gemeinschaftlichen Zusammenhang mit dem in seinen Soli gitarristischen E-Bassisten Nicolas Garnier und dem mit seinen lässigen rhythmischen Vorgaben äußerst präsenten Schlagzeuger Hary Ratsimbazafy.

Die Musik kennzeichnet ein klug disponierendes Stilbewusstsein. Céline Bonacina weiß Einfachheit und Komplexität übereinzubringen. Ihr technisch ungemein versiertes Spiel wirkt mal linear und geschmeidig, dann wieder ist in einem Solostück von Ferne das Vorbild der Polyphonie des Barockzeitalters zu erkennen. Sie spielt mit Überblastechniken, sie setzt zuweilen in unaufdringlicher Weise die Live-Sampling-Technik ein und improvisiert über zuvor angelegte Schleifen.

Wenn Céline Bonacina sich von ethnischen Musiken wie jener der im indischen Ozean gelegenen Insel Réunion inspirieren lässt, auf der sie lange gelebt hat, kommen dabei originäre Jazzfindungen heraus, kein Ethnojazz von der wohlgefälligen Sorte.

Céline Bonacina ist keine ausgewiesene Revolutionärin, aber sie hat eine individuell ausgeprägte Stimme und ist eine hervorragende Komponistin. Historisch bezieht sich die schmächtige Musikerin auf den Fusionjazz. Ihre Musik überfordert einesteils niemanden, andererseits ist sie so anspruchsvoll, dass Puristen darüber nicht die Nase rümpfen müssen.

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