Lärm und Wut machen ihre Popsongs gut

Wie die Pilzköpfe kommen Mando Diao daher. Foto: Georg

Industrielärm und Baukräne, Insignien, die Fortschritt verheißen, aber psychische wie physische Schäden verursachen können, haben Mando Diao als Intro und Kulisse der deutschen Premiere in der ausverkauften Offenbacher Stadthalle gewählt. Seit das Schweden-Quintett 2002 mit dem Album „Bring ’Em In“ debütierte, ist jugendlicher Übermut mehr und mehr gereifter Bedächtigkeit gewichen.

Eine Entwicklung, die den Fans im Spät-Teen- und Früh-Twen-Alter gleichgültig ist. Sie sind da, um knapp zwei Stunden ihre Idole hautnah zu erleben, die perfekt die Querelen der Adoleszenz in poetische Worte fassen – und um im Kollektiv Alltagsfrust abzubauen.

Während blendende Suchscheinwerfer irrlichtern, nehmen die so attraktiven wie nicht ganz unschuldigen Anstifter des Aufruhrs ihre Plätze ein und praktizieren den ernsten Blick. Schließlich sind Mando Diao sich ihres Rufs als „Angry Young Men“ europäischen Alternative Rocks bewusst. Mit lässigem Image lassen sich ebenso viele CDs verkaufen wie mit der darauf enthaltenen Musik.

Der Ursprung kalkulierter Zorneshaltung ist dort, wo sich Mando Diao 1999 gründeten. Kolportiert wird, dass Borlänge die Statistik bei Kapitalverbrechen in Schweden anführt. Und da wahres Leben oft nahe der Utopie liegt, kompensiert die Band Wut, Langeweile und Aussichtslosigkeit in packenden Songs, die ihre Inspiration aus der Ära des Beat beziehen.

Bescheidenheit ist bei Mando Diao Fehlanzeige. Das ernergische, sich anstachelnde Doppelgespann an Gitarren und Mikrofon, Gustaf Norén und Björn Dixgård, angedeutete Pilzköpfe beim „Yeah, Yeah, Yeah“ zusammensteckend, weiß um seinen Nimbus. Selbstbewusst agiert das Duo zwischen Carl-Johan Fogelklou am Bass, Samuel Giers am Schlagzeug, Mats Björke an den Keyboards, einem Perkussionisten und zwei Harmoniesängerinnen.

Kritiker werfen Mando Diao vor, ihre Songs seien eine Zitatensammlung. Zumindest zitieren sie die Richtigen: Schöpfen aus der klassischen Underdog-Haltung des Independent Rock, dem dekorativen Hochmut der Mods, der Großmäuligkeit von Oasis und der Melodieverliebtheit des Britpop. Bemüht werden Lennon/McCartney, gewiss auch Jagger/Richards.

Aufmerksamen Geistern entgehen bei Oden wie „Gloria“, „If I Don’t Live Today“ oder „Dance With Somebody“ nicht Anleihen bei The Who, Small Faces und The Kinks. Wichtiger ist, dass Mando Diao dennoch authentisch und nach sich klingen. In den besten Momenten funktioniert ihr klassischer Pop wie eine rasante Achterbahnfahrt, wenn einem für Sekunden die Ahnung der Gravitation und der Schwerelosigkeit den Atem raubt.

Romantische Geschichten im Akustik-Duo-Set machen sie zu Lieblingen der rockbegeisterten Jugend, die das fünfte Album „Give Me Fire“ auf Platz eins katapultierte. Getragenes in Moll, Oden ans Mädchen, das sie verlassen hat, präsentieren die Jungs in ruiniertem Gebraucht-Schick und distanzierten Posen, als wär’s lebensnotwendig. Ist es wohl auch – wenn das Publikum zur Zugabe „Long Before Rock’n’Roll“ aus tausenden Kehlen Zeile für Zeile textsicher skandiert! FERDINAND RATHKE

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