Patti Smith begeistert bei ihrem Konzert in der Jahrhunderthalle.

Lärm und Schönheit

Charisma, Kraft, Zorn, Herzlichkeit - Rock-Ikone Patti Smith gab ein so intensives wie denkwürdiges Konzert in der Frankfurter Jahrhunderthalle.

Die schiere Kraft der Patti Smith und ihr ungebrochenes Charisma zeigten sich am prächtigsten beim Finale ihres umjubelten, faszinierenden Konzerts in der ausverkauften Jahrhunderthalle in Frankfurt.

Auf den Stühlen hatte es da schon lang niemanden gehalten, doch nun verfiel das Publikum in fast schon ekstatische Tänze, während viele Lippen eher unbewusst die Worte formten „Outside of Society, That‘s Where I Wanna Be“. Dieser Refrain mag für manchen der Konzertbesucher im Jahr 1978 durchaus eine Wunschvorstellung ausgedrückt haben, doch heute dürften die meisten froh darüber sein, inmitten der Gesellschaft zu stehen und das Lied vom „Rock‘n‘Roll Nigger“ nurmehr als Hit aus der Jugend zu summen, der freilich nichts von seiner rotzigen Wut verloren hat. Diese Wut hat sich auch Patti Smith erhalten, die trotz ihrer mittlerweile 62 Jahre mit Furor gegen das Schlechte auf der Welt poltert und predigt, als wolle sie die Vollversammlung der UNO zu spontanem Handeln auffordern.

Hier ist sie ganz die wortgewaltige Dichterin, die in den 1970er Jahren der weiblichen Rockmusik solch entscheidende Impulse gab, dass ihr eigentlich ein Denkmal errichtet gehört. Zur Legendenbildung trägt sie ihren Teil auch bei, etwa mit ihren raren Auftritten, die wohl die Zahl ihrer spärlichen Plattenaufnahmen in den vergangenen Jahren nicht übersteigen sollen. Der Frankfurter Auftritt war denn auch ihr einziges Deutschland-Konzert und könnte allein schon deshalb der Ikonographie nicht abträglich sein.

Mehr als zwei Stunden lang bot Smith einen Querschnitt ihres Schaffens, erzeugte mit ihrer formidablen Band, der mit „Television“-Gitarrist Tom Verlaine noch eine weitere Legende aus New Yorker Punk- und Wave-Tagen angehörte, gewaltigen Lärm, aber auch viele Momente fragiler Schönheit, die aber nicht dem Wunsch nach Eingängigkeit folgten, sondern nur eine weitere Facette im vielfältigen Werk der begnadeten Künstlerin schimmern ließen.

Stets nur ihrer Muse verpflichtet, verstand es Smith stets, den Spagat zwischen Experiment und traditioneller Form zu bewältigen. Letzteres goutierte ja auch gelegentlich ein größeres Publikum, was Patti Smith mit Songs wie „Frederic“ oder vor allem dem mit Bruce Springsteen geschriebenen „Because the Night“ sogar richtige Hits bescherte. Diese Hymne aus dem Jahr 1978 war auch Auftakt zum ebenso gloriosen wie langen Finale, das mit der „Them“-Verfremdung „Gloria“ und dem poetischen „We Three“ noch weitere Klassiker von Smith‘ bahnbrechenden ersten drei Alben bot, bevor der heilige Zorn über die Sängerin kam und sie unter dem Jubel des Publikums jenen berühmten Satz über Vergangenheit und Zukunft ausstieß, dem das feedbackgetränkte „Rock‘n‘Roll Nigger“ folgte, zu dem Smith einzeln die Saiten aus einer E-Gitarre riss - Sinnbild für die Dekonstruktion der Rockmusik, wie sie so radikal von kaum jemand anderem als ihr zur Kunst erhoben wurde.

CHRISTIAN RIETHMÜLLER

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