Langen Atem bewiesen

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Für den großen gestalterischen Atem sorgte beim Montagskonzert der Museumsgesellschaft der Brite Christopher Hogwood als Dirigent des Museumsorchesters und der Frankfurter Kantorei samt Solisten.

Frankfurt - Selbst das dunkle Moll schien hier zu strahlen: Mendelssohns Gottes-Lob, die selten zu hörende „Sinfonie-Kantate nach Worten der Heiligen Schrift“, setzte ein Ausrufungszeichen hinter die vielen konzertanten Ereignisse zum 200. Geburtstag des Romantikers 2009. Von Klaus Ackermann

Für den großen gestalterischen Atem sorgte beim Montagskonzert der Museumsgesellschaft der Brite Christopher Hogwood als Dirigent des Museumsorchesters und der Frankfurter Kantorei samt Solisten. Eine wahre klangliche Charme-Offensive hatten im Vorfeld Cherubini und Haydn gestartet, dessen Cello-Konzert C-Dur bei Alexander Rudin in besten Händen war.

Der Dirigent, Cembalist und Musikhistoriker Hogwood zählt zu den akribischen Forschern historischen Klangs. Und so kommt denn Cherubinis „Anacreon“-Ouvertüre nach herrischem Beginn rank und schlank daher, als habe Mozart Pate gestanden. Schließlich war der per Ballettoper abgefeierte altgriechische Dichter Anacreon idealer Schönheit auf der Spur. Von Cherubini wird man noch viel hören. Schließlich gilt es 2010, den 250. Geburtstag eines Weichenstellers der Musik des 19. Jahrhunderts zu erinnern.

Der Vergleich mit Beethovens Neunter ist nicht abwegig

Mit seinen grazilen wie einprägsamen Themen passt Haydns Cello-Konzert C-Dur ideal in diese Umgebung. Als Erster unter Gleichen spielt der russische Virtuose so locker und leicht auf, dass man alsbald fröhlich eingestimmt ist. In dichten Dialogen mit dem auf apollinischen Klang erpichten Museumsorchester, bei dem zwei Oboen und Hörner Akzente setzen. Dann ein feines schlichtes Lied, auch mal in dramatisches Moll gewendet, ehe das flotte Allegro-Finale mit zauberhaften Figuren den Virtuosenrang des Cello-Vorspielers bezeugt. Dass es strikt ohne klangfettendes Vibrato geht, zeigt Alexander Rudin selbst in der Zugabe, ein Bach’sches Violoncello-Solo.

Schon ein denkwürdiger Lobgesang, den Mendelssohn zum Leipziger Gutenberg-Fest komponiert hatte. Der Vergleich mit Beethovens Neunter ist nicht einmal abwegig. Geht doch den ans Oratorium gemahnenden biblischen Lobpreisungen eine Sinfonie mit der Choralzeile „Alles, was Odem hat, lobe den Herrn“ voraus, von den Posaunen eingeführt. Sie sind das Ventil für ein allmächtiges Gotteslob, was bei Hogwood völlig Pathos-frei vonstatten geht.

Klangbilder münden in barock anmutenden Lobgesang

Ein schwärmerischer Einstand, orchestral ausgesprochen sachlich verhandelt, was ein stimmlich ungemein bewegliches Allegro bewirkt, das übers feinfühlige Klarinettensolo choralartige Passagen initiiert: Frühromantische Klangbilder, die in einen breiten, barock anmutenden Lobgesang münden. Mit der von Professor Winfried Toll zuverlässig einstudierten Frankfurter Kantorei, die in Chören, Hymnen und Chorälen stimmstark den Weg von (vorübergehender) Finsternis ins göttliche Licht vollzieht, auch in den Spitzentönen purer Klangsamt.

In dieses stringent dramatische Gewoge weisen die vor der Kantorei platzierten Solisten ein: Andrea Lauren Brown mit lyrischem, zu heftigem Aufschwung fähigem Sopran, ausdrucksvoll assistiert vom energischen Mezzo der Mareike Braun. Und selbst im orchestral begleiteten Recitativo hält Johannes Chum seine kernigen tenoralen Stimmgaben nicht unter Verschluss. „Alles was Odem hat …“ – Der Schlusschor im Herzschlag-Pendel wird zum farbigen Glaubensplakat, arme Sünderlein förmlich hinwegfegend.

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