Legenden Tribut gezollt

Offenbach - Geschichtskunde gefällig? Moderator Ron Williams formuliert so pointiert, dass es im ausverkauften Offenbacher Capitol still wird, wenn er sein beim Soldatensender AFN erworbenen Wissen preisgibt. Von Ferdinand Rathke

Etwa, dass in den USA um 1865 eine Bewegung versuchte, Sklavenhaltung zu legitimieren, weil Jesus das befürworte. Aus jener Zeit stammen Songs, die Afroamerikaner bei harter Arbeit ersannen und die zur Basis jener Entwicklung wurden, welche Blues, Jazz und Soul ermöglichte.

In vier Stunden werden Funk und Rhythm’n’Blues zelebriert, von King Curtis’ „Memphis Soul Stew“ bis Ray Charles’ „What’d I Say“. Souverän bis virtuos dargeboten von zehnköpfiger Formation, Harmonie-Trio und acht Interpreten in den Rollen von Soul-Ikonen unter der Leitung von Klaus Gassmann. Nicht verstummen wollen Nörgler, die nur das Original gelten lassen wollen. Doch wie sollte ein verstorbenes Idol, eine auseinandergebrochene Gruppe der eigenen Legende Tribut zollen?

Eine Gratwanderung stellt die Titelauswahl dar, nicht nur auf Hits fixiert, aber auch nicht zu unbekannt. James Brown, Wilson Pickett oder die Righteous Brothers erklingen. Mit Bravour vereint die „Sweet Soul Music Revue“ beides: Von Arthur Conleys Ode „Sweet Soul Music“ über Martha & The Vandellas „Dancing In The Street“ oder Gladys Knight & The Pips’ „Midnight Train To Georgia“ bis Aretha Franklins „Respect“, „Think“ und „Dr. Feelgood“ reicht die Palette – hervorragend getroffen von Jeanine Love, Jimmy James, Alexander Hutson und Derrick Alexander. Marites Dabasol-Smith liefert eine atemberaubende Tina Turner, Harriet Lewis eine scharfe Etta James. Saxofonist und Sänger Waldo Weathers erinnert an die kaum bekannten Jr. Walker & The All Stars.

Als Sieger der Herzen kommt nur einer in Frage – und der stammt weder aus dem Süden der USA, noch ist seine Herkunft afroamerikanisch: Daniel Stoyanov aus Sofia ist gesegnet mit unglaublicher Oktavenweite und einer Authentizität, die Xavier Naidoo auf ihn aufmerksam werden ließen, der ihn im Vorprogramm präsentierte. Ob Stoyanov als Teil von Sam & Dave und The Temptations antritt oder sich solo mit dem Platters-Evergreen „Only You“ in Höhen swingt, dass nicht nur Damen ins Schwärmen geraten – der smarte Bulgare erobert die Herzen. Und Williams leistet Überzeugungsarbeit, wenn er in jener Rolle brilliert, die er in einer Bühnenproduktion gibt: Ray Charles.

Rubriklistenbild: © Bernd Boscolo / Pixelio.de

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