Lehrstunden über die Liebe

Ein blutiger Stier-Torso ist Blickfang auf der Bühne, den spanischen Charakter zweier Kurzopern plakatierend. Für „Die spanische Stunde“ von Maurice Ravel und „Das kurze Leben“ von dessen Zeitgenossen Manuel de Falla kehrt Johannes Debus an seine alte Wirkungsstätte zurück – ab der nächsten Spielzeit wird er im kanadischen Toronto als Generalmusikdirektor der Opera Company wirken.

David Herrmann führt in dieser Neuinszenierung der Oper Frankfurt Regie, überwiegend aus Ensemble und Opernstudio besetzt. Premiere ist am Sonntag um 18 Uhr im Opernhaus am Willy-Brandt-Platz.

Der spanische Schauplatz vereint eine Komödie um eine Uhrmacher-Frau, die ihre wechselnden Liebhaber in Standuhren versteckt, und die Tragödie einer Zigeunerin, die an der Hochzeit ihres Verlobten mit einer reichen Spanierin zerbricht. Dirigent Debus sieht zwei konträre Konzepte von Liebe verhandelt. Ravels Oper sei wie eine Versuchsanordnung in Form einer Boulevardkomödie, in Realismus und Witz einem Boccaccio entlehnt. „Präzise wie ein Schweizer Uhrwerk ist auch die Musik gearbeitet, feinsinnig, transparent, aber dennoch nicht klanglich leer“, so der Dirigent. Rezitativisches Singen überwiege, und typisch französische Clarté – alles anschaulich und überdeutlich.

Dazu wird allerlei exotisches Schlagwerk genutzt, bis hin zu Ratschen, Peitsche und „Ressort“, einer Uhrfeder, deren metallischen Klang Debus einer „Gurke“ entlocken lässt, dem kubanischen Rhythmusinstrument. Doch trotz augenzwinkernder ironischer Distanz: Zur Uraufführung 1911 in Paris gab es einen handfesten Skandal. Ravels reizvoller Tändelei steht die tiefernste, bedingungslose Liebe aus dem Zigeunermilieu gegenüber, auch ein Problem unvereinbarer gesellschaftlicher Schichten.

Wie ein großes Panoramabild wirke de Fallas Musik auf ihn, sagt Debus, aus vielen klanglichen Elementen zusammengesetzt, vom entfernten Schmiedegehämmer über eine stimmungsvolle spanische Nacht bis hin zu andalusischen Volksliedern und Hochzeitstänzen. „Eine ungeheuer glutvolle Musik, bei der man höllisch aufpassen muss, dass ihr breiter Strom, ihr emotionaler Druck nicht die Sänger überdeckt“, so der Dirigent.

Was freilich kaum passieren sollte, weil Debus das Frankfurter Museumsorchester als ehemaliger Assistent von Paolo Carignani genau kennt und hoch schätzt. Seit 1998 war er zunächst als Solorepetitor, dann als Erster Kapellmeister in Frankfurt engagiert und hat sich über die vielen zeitgenössischen Opern hinaus – zu Studienzeiten in Hamburg ein echtes Anliegen des gebürtigen Speyerers, der schon als 13-Jähriger Dirigent werden wollte – ein großes Repertoire erarbeitet.

Dabei gibt es zwischen Mozart und Hans Werner Henze keine Vorlieben, dessen nahezu swingender „Boulevard Solitude“ in bester Erinnerung ist. Auf die berühmte einsame Insel würde er allerdings Bachs „Goldberg-Variationen“ mitnehmen. Rock, Pop und vor allem der Jazz („Pianist in einer Jazzkneipe wäre ein Traum“) sind dem jungen Maestro nicht fremd.

Demnächst kann er in Toronto, Frankfurts Partnerstadt und Heimat des legendären, 2007 verstorbenen Jazzers Oscar Peterson, auf dessen Spuren wandeln. Dort hatte er im vergangenen Herbst Prokofjews Oper „Krieg und Frieden“ dirigiert – und alle wollten ihn. Ein neues Haus, eine fantastische Company und mit Alexander Neef, Casting-Direktor bei Gérard Mortier in Paris, ein ebenfalls erst 34-jähriger Intendant: Das seien wunderbare Bedingungen an einer Oper, die das Stagione-System schätzt – kein feste Repertoire, sondern Neuinszenierungen, die über einen größeren Zeitraum gespielt werden.

Seinen Einstand in Toronto gibt Johannes Debus mit einem Galakonzert und dem großen kanadischen Wagner-Tenor Ben Heppner. Doch auch in Frankfurt dürfte der Dirigent noch einen Koffer haben. Und sei es nur für einen Besuch des Cafés im Liebieghaus, einem seiner Lieblingsorte am Main. KLAUS ACKERMANN

Kommentare