Hohe Kunst der Balance

Frankfurt - Sie gehört nun seit ein paar Jahren zu den Musikern, die auch über die Kreise der Pop-Connaisseure hinaus bekannt sind. Von Stefan Michalzik

Was ihr Publikum anlangt, ist Feist im Mainstream gelandet, seit zwei ihrer Songs auf dem heute nicht unüblichen Umweg des Einsatzes in Produktwerbespots zu Hitnummern avancierten. Dem daraus resultierenden Erwartungsdruck scheint die 36-jährige Kanadierin standzuhalten. Eine Kompromissbereitschaft ist ihrer Musik nach wie vor nicht anzumerken.

Es könnte einem ja schon fast wieder zu viel werden mit der beinahe einhelligen Bewunderung, die Feist hervorruft. Aber es muss an diesem vom Mousonturm ausgerichteten Konzertabend in der Jahrhunderthalle Frankfurt-Höchst nicht viel Zeit vergehen, und man weiß, dass man nichts anderes tun wird, als mit einzustimmen. Die Frau ist einfach bezaubernd, in jederlei Hinsicht. Und das gerade weil sie keine Popelfe ist, sondern eine selbstbewusste Musikerin, der die langen Jahre der Reifezeit ganz gewiss nicht geschadet haben.

Publikum leicht gemacht

Leslie Feist legt es nicht darauf an, es ihrem Publikum leicht zu machen. Das Konzert hat sie mit „Undiscovered First“ begonnen. Eine krachige Nummer ist das, vom jüngsten Album „Metals“, dem ersten seit dem Durchbruchsjahr 2007. Feist selbst knarzt den Gitarrenpart, und gleich wird deutlich, was für eine versierte Gitarristin sie ist; später spielt sie überwiegend ein akustisches Instrument, das mitunter dem Klangbild von Banjo oder Dobro nahekommt.

Die Platten von Feist sind der Ausweis einer ungewöhnlichen Arrangeurskunst – die Konzerte sind es nicht minder. Alles klingt anders wie in den Einspielungen, auch die Songs von „Metals“, die Feist fast alle spielt, derweil sie ihren bisher größten Hit „1234“ auslässt. Feist schöpft ihre Musik aus einer Amalgamierung von Country und Folk, Jazz, Soul und Rock, mit einer Selbstverständlichkeit der Stilverschneidung, wie man sie vom französischen Chanson her kennt. Das Ergebnis ist eine entwaffnende musikalische Schönheit.

Famose Band

Einesteils entfacht die famose Band brillante kollektiv-rhythmische Klangfeuerwerke. Orgelwucht im einen Moment, Glockenspiel-Zartheit im nächsten. Dann wieder ist das ein Abend des Gesangs. Das weibliche Bluegrass-Gesangstrio Mountain Man unterfüttert die Americana-Note. Und Feist gelingt es in einer denkbar unpeinlichen Weise, das Publikum als Chor zu rekrutieren. Zum Schluss steht sie allein mit der Gitarre auf der Bühne, und auch das ist nun nicht irgendein Ritual.

Feists Stimme ist eine von jener Sorte, die ganz unmittelbar zu einem zu sprechen vermag. Keine Röhre ist das, die Stimmführung ist vor allem an den Folk angelehnt. Eine gewisse Brüchigkeit gibt den besonderen Reiz. Das allein macht’s natürlich noch nicht. Feist scheint sehr viel vom Leben und dessen Brüchigkeit zu wissen. Von der mangelnden Tragfähigkeit der Liebe in Zeiten, in denen bei vielen der Individualismus zur Dekadenzform des Egozentrismus mutiert ist.

Es geht um menschliche Wärme

Es geht um menschliche Wärme. Der zeitgenössische urbane Mensch giert danach, Kitsch will er aber keinen. Da kommt Feist ihm sehr entgegen: Ihre Aura ist hippiesk, derweil sie gleichsam durch das Stahlbad des Hardcorepunks gegangen ist, der am Anfang ihrer Geschichte als Musikerin steht.

Alles ist getragen von einem untrügerischen Gespür für Balance. Mag das lyrische Ich der „Bittersweet Melodies“, so lautet der Titel einer ihrer neuen Songs, auch noch so sehr unter den Verwerfungen der Liebe leiden, so ist es doch eine gewisse Gelassenheit, die als Stimmung über der Hervorbringungen von Feist liegt. Bloß nicht kirre machen lassen. Auch nicht vom Erfolg.

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