Gustav Mahlers Abschieds-Sinfonie eröffnet das Rheingau Musik Festival im Kloster Eberbach.

Letzte Worte des Visionärs

Endgültiges in sakraler Atmosphäre: Paavo Järvi und das hr-Sinfonieorchester eröffneten mit Mahlers Neunter das Rheingau Musik Festival.

In jedem Abschied steckt ein Neubeginn. Auch in Mahlers neunter Sinfonie, die nach wehmütiger Rückschau aufs Leben Visionen vom Jenseits entwirft und in ihrer radikalen Reduktion der Mittel kompositorisches Neuland betritt.

Offenbar Grund genug, um mit Mahlers Vermächtnis und kühner Vorausschau das Rheingau Musik Festival zu eröffnen. In sakraler Sphäre der Basilika des Kloster Eberbach, deren Überakustik Paavo Järvi und das hr-Sinfonieorchester in einem angelegentlich auch ekstatisch glühenden Klangstrom bannen.

Mag sein, dass die Live-Übertragung des Festival-Auftakts in Hessen-Fernsehen und hr2 für akribisches Erforschen und Regulieren der akustischen Gegebenheiten vorab gesorgt hat. Doch einmal mehr überrascht die großartige Dynamisierungskunst des Chefdirigenten Järvi, der wie ein Klang-Regisseur kühl die Regler zieht und dennoch eine geheimnisvoll religiöse Aura beschwört.

Lauter letzte Worte schon im Eingangs-Andante, mit dem markanten Motiv, mal als sehnsüchtige Erinnerung, mal mit Fragezeichen versehen. Doch bei Järvi hat auch das Rhythmische seinen Stellenwert, hier eine Art Passacaglia, die bei aller verbliebenen Lebenslust für Todesnähe steht. Wie die dunkel dräuenden Bassklarinetten und die metallischen Trompetensignale: „Ritterliche Klänge, der Tod in der Rüstung“, hat sie Schönbergs Meisterschüler Alban Berg einmal umschrieben. Bis dann die Seele sich gleichsam im Flötenton verflüchtigt.

Mitten im sinfonischen Albtraum zwei Ländler und ein Walzerverschnitt, klanglich auch zur Grimasse verzerrt. Von Järvi in immer neuen Anläufen betont platt ausgespielt. Aus tiefen klanglichen Seufzern entwickelt sich ein Tanz auf dem Vulkan mit finalem Schlagwerk-Furioso, präzise auf den Punkt gebracht. Dann die Rondo-Burleske, bei der sich Lachen in klangliches Grauen verwandelt. Trotz des lieblichen Intermezzos so trivial bereits angelegt und gespielt, das hr-Sinfonieorchester auf höllischem Kurs, mit angerissenen Fugati die Grenzen der Tonalität sprengend. Im akustisch fülligen Gotteshaus wahrlich ein klangliches Inferno.

Schließlich der schmerzliche Abschied von dieser Welt, mit seelenvoll erkundeten Reminiszenzen aus Mahlers großem sinfonischem Fundus, mit einem klanglich aufgeladenen Streicherhymnus, der scheinbar schwerelos abhebt – Horn und Violoncello als Wegweiser in die Ewigkeit. Järvi und die wieder einmal so perfekt wie feinfühlig aufspielenden hr-Sinfoniker zelebrieren diesen bruchstückhaften Abgesang, diese erträumte Himmelfahrt in unendlicher Klangruhe, ohne an Spannung zu verlieren. Im Gegenteil: Wie Järvi Stille hörbar macht, das ist kaum auszuhalten. Mahler mit Heiligenschein: Schon zum Auftakt des Rheingau Musik Festivals haben der Chefdirigent und das am Ende einer langwierigen Saison noch absolut frisch wirkende hr-Sinfonieorchester die konzertante Messlatte sehr hoch gelegt … KLAUS ACKERMANN

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare